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Artikel nach Datum gefiltert: Juni 2019

Im Zeitraum von drei Jahren gab die Schweizer Münzprägungsstätte Swissmint* eine Dreierserie von hochwertigen Silbermünzen heraus, die von Ueli Colombi geschaffen und gestaltet wurden. Die Sujets zeigen drei unterschiedliche Raddampfer von verschiedenen Seen: DS Uri der SGV, DS La Suisse der CGN und DS Blümlisalp der BLS.** Diese drei repräsentieren die Geschichte aller heute noch fahrenden Schweizer Dampfschiffe. Den Abschluss der Serie nahm ich zum Anlass, das immense Schaffen des Künstlers Ueli Colombi näher kennen zu lernen und in einen Zusammenhang mit den drei Münzen zu bringen.

Ueli Colombi, 1940 in Thun geboren, war in vier Berufen tätig, die allesamt einen Teil zu seinem heutigen Erfolg beigetragen haben. 1956 begann er bei der schweizerischen Reederei AG in Basel eine Lehre als Rheinschiffer. Ueli Colombi ergänzt: „Nach dieser abgeschlossenen Ausbildung folgte eine Lehre als Hochbauzeichner in Zürich.“ Nachher fuhr er zur See und begann bei P&O London auf den Schiffen Arcadia und Canberra die Ausbildung als Seekadett. Für ihn war klar: „Ich wollte See-Offizier werden, mein grossmütterlichseits englisches Blut in mir drängte mich dazu bis hin zum Kapitän.“ Doch es sollte anders werden: „Die Trigonometrie war mein Stolperstein. Während meine Kollegen im Hantieren mit Sextanten und Seekarten am Ziel ankamen, landete ich mit meinen Berechnungen in Ägypten. Das machte auf die Dauer einfach keinen Sinn und war frustrierend.“ Deshalb brach er diese Ausbildung ab und zog wieder aufs Land. Ein Architekturstudium am Technikum Biel war nun angesagt.

Thun – Vancouver retour

„Gleich nach dem Ende des Studiums bin ich nach Vancouver BC ausgewandert. Dort wohnte ich im 22. Stock eines Hauses, direkt am Strand des Pazifiks gelegen, und sah (und hörte) die Schiffe ein- und auslaufen. Stell dir das mal vor!“ kommt Colombi noch heute ins Schwärmen. Eine prägende Zeit: „Am Arbeitsplatz des Architekturbüros, 448 Seymour Street, direkt oberhalb des CPR-Piers, das gleiche Schauspiel. Dieser Pier war (und ist heute noch als Centennial-Pier benannt) der Terminal für die grossen Passagierschiffe. Die Passagierliner waren in ganz Vancouver präsent. Wenn ihre Typhons ertönten, hörte man es in der ganzen Stadt. Wenn die “Canberra” pfiff, zitterte der Boden in den Räumen, so tief war ihre Stimme. Und wenn die Schiffe am Abend ausliefen, da pfiffen sie meist vier Mal lang, bevor sie die Lyons Gate Bridge passierten. Hunderte von Autohupen antworteten, Dutzende von Herzen brachen, denn die meisten dieser Liner waren ja im Liniendienst; Kreuzfahrten waren zu meiner Zeit noch eher selten.“ ***

Beruflich war er in Kanada erfolgreich: „Mein interessantestes Projekt war der Bau des damals grössten Shoppingcenters von ganz Nordamerika.“ Die Liebe brachte ihn zurück in die Schweiz. „Um anzukommen brauchte ich aber zehn Jahre, denn in den Jugendjahren sagte ich mal ‚nie mehr Schweiz‘.“ Doch, man soll nie „nie“ sagen. Sein Vater war der bekannte Thuner Architekt Livio Colombi. Er stellte seinen Sohn nun als Bauzeichner an. „Das war keine gute Zeit“, sinniert Ueli Colombi im Rückblick. „Hüsli bauen war nicht meine Herzensangelegenheit, die Architektur hat mich nie ganz gefesselt.“

Sein dritter «Beruf» als Schiffbauer interessierte ihn umso mehr: „Leider viel zu spät“, meint Colombi. Seine vierte Tätigkeit brachte ihm internationale Anerkennung als Kunstmaler. Bekannt wurde Ueli Colombi dank rund 25 Steinlithografien von sämtlichen Schweizer Raddampfern sowie DS Hohentwiel und zwei Segelschiffen. Wer kennt sie nicht, diese präzisen, perspektivisch spannenden und farblich dreidimensional wirkenden Kunstbilder, jedes Sujet rund 150 Mal abgezogen. Sie hängen von Genf bis Rorschach, von Basel bis Locarno und weit darüber hinaus in den Stuben von Dampferfreunden. Inzwischen arbeitet Colombi mit Acryltechnik auf feiner Leinwand und experimentiert erfolgreich mit neuen Darstellungsmitteln im Wechsel von schwarz-weiss und Farben und mit exzentrischen Rändern. Demnächst wird im Rebbaumuseum Spiez eine Sonderausstellung über die Thunersee-Dampfschiffe eröffnet. Zwei Jahre werden hier Colombis neuste Werke zu bestaunen sein. Seine Sehkraft lässt leider nach. Krankheitsbedingt wird der Sehnerv nicht mehr mit genügend Blut versorgt, das rechte Auge ist bereits – in der Sprache seines Augenarztes – ‘futsch’.

Numismatik: Schiffe in Münzprägungen

Ein weiterer Höhepunkt seiner Karriere als Kunstmaler basiert auf einem Auftrag der Schweizer Münzprägungsstätte Swissmint, eine Dreierserie der Schweizer Raddampfer Uri, La Suisse und Blümlisalp zu realisieren****. Colombi liess es bei der Gestaltung der Münzen nicht bloss bei dem ihm eigenen Stil bewenden, sondern ergänzte jedes Sujet mit einem weiteren, für den jeweiligen Raddampfer typischen, Element. Auf der Uri-Münze erweist der Künstler mit den Salon-Schnitzereien und dem kunstvollen DGV-Emblem eine Referenz an die Ausgestaltungskunst der Schweizer Salonraddampfer. Stellvertretend für alle andern technischen „Wunderwerke“ des Maschinenbaus der beiden grossen Erbauerfirmen Escher Wyss in Zürich und der Gebr. Sulzer aus Winterthur zeigt die La Suisse-Münze zusätzlich zum Schiff noch die Dampfmaschine im Querschnitt. DS Blümlisalp schliesslich wird ergänzt durch einen besonders raffinierten Ausschnitt einer Schaufelrad-Konstruktion. Ich meine von Sujet zu Sujet eine Steigerung feststellen zu können. Colombi: „Ja, die Blüemlere-Münze ist schön geworden, sehr formatfüllend, die gefällt mir auch am besten.“

Die drei Schiffe waren vorgegeben. „Es war nicht Swissmint, die das bestimmte. Sie verrieten mir aber nicht, wer die Auswahl getroffen hatte. Man wollte ein ‚Gstürm‘ vermeiden. Wäre es nach mir gegangen, hätte ich für den Genfersee die ‚Montreux‘ ausgewählt, denn sie ist weitaus der schönste Dampfer der CGN. Mit der Auswahl konnte ich aber gut leben; sie ist sehr ausgeglichen. Überraschenderweise sind die Wogen unter den Dampferfreunden ausgeblieben, obschon kein Zürcher Raddampfer dabei ist.“

Die „Uri“ ist der älteste Raddampfer der Schweiz und hatte 1901 ihre Jungfernfahrt. Sie wurde, wie viele andere Schiffe, in der klassischen Sulzer-Bauart hergestellt. Deren Eigenschaften sind bis heute geschätzt: Ausgezeichnetes nautisches Verhalten, Stabilität im Sturm und Sparsamkeit im Brennstoffverbrauch. Als die „La Suisse“ 1908 bei den Gebr. Sulzer in Auftrag gegeben wurde, hatte die Belle-Epoque in der Schweiz ihren Höhepunkt erreicht. Der Schaufelraddampfer sollte das grösste und eleganteste aller Schweizer Schiffe von dazumal werden. 2009 umfassend renoviert ist heute die „La Suisse“ die Schwerarbeiterin unter allen Raddampfern, vermutlich der Welt: Mit 30 000 km legte DS La Suisse im Jahr 2017 zum Beispiel eine doppelt so grosse Distanz wie DS Uri auf dem Vierwaldstättersee zurück. Das dritte Sujet stammt vom 1906 erbauten Raddampfer Blümlisalp. Wegen zunehmender Konkurrenz durch die grossen Motorschiffen wurde die „Blüemlere“ am 1. August 1971 ausser Betrieb genommen und entkam in der Folge nur durch Glück dem Schicksal der Verschrottung. Dank einem unglaublichen Engagement konnte das Schiff gerettet und 1992 erfolgreich wieder in Fahrt gebracht werden. Es ist stellvertretend für ähnliche „Kämpfe“ der Dampferfreunde wie jene um DS Unterwalden in Luzern oder DS Hohentwiel auf dem Bodensee.

Colombi als Schiffbauer und -gestalter

Beim Thema “Schiffbauer“ kommt Ueli Colombi „in Fahrt“ und erzählt über den Umbau zahlreicher Schiffe. So war er Gesamtprojektleiter der umfassenden Renovationen von DS Blümlisalp von 1988 bis 1992 und DS Montreux von 1998 bis 2001, „dazu gehörte alles, von der Projektplanung bis zur Abrechnung.“ Ein weiterer Auftrag erhielt Colombi von der KD, die „Goethe“ zu renovieren. „Leider wurde in dieser Phase die KD an die Westdeutsche Landesbank verkauft und die Banker verstanden es, die das Traditionsunternehmen zu Boden zu reiten,“ ärgert sich Colombi noch heute. Die Pläne dazu wären im Berner Oberland immer noch vorhanden… Beim Thema „Blüemlere“ kommt Ueli Colombis‘ Erzählen ins Stocken, unschöne Erinnerungen kommen hoch: „Das war beruflich der grösste Schmerz.“ Bei einer weiteren Renovation von 2006 kamen nämlich andere zum Zuge, warum weiss er bis heute nicht. Er vermutet: "Vetternwirtschaft".

Zum Schluss meines Besuches in seinem im 18. Jahrhundert erbauten Holzhaus in Merligen, wo Ueli Colombi seit drei Jahren wohnt und glücklich ist, frage ich ihn, worauf er rückblickend am meisten stolz sei. Er überlegt lange und sagt dann kurz und bündig: „Auf die Schiffe.“ Welchen Wunsch möchte er noch erfüllt haben? „Ich suche Möglichkeiten, meine Werke auszustellen.“ Galeristen und Kuratoren von Museen: lasst euch diese Chance nicht entgehen!


Bilder: Am gleichen Tag, an dem MS Diamant ihre Jungfernfahrt feierte, wurde auch – sozusagen als Kontrapunkt – die erste Silbermünze von Ueli Colombi der Öffentlichkeit vorgestellt (links von Colombi SGV-CEO Stefan Schulthess, rechts Marketingleiter der Swissmint Urs Liechti). Jede Münze kann auch in einem Folder erworben werden; die 6-seitige Tasche wirkt sehr repräsentativ und enthält Kurzinformationen zum Schiff und Künstler. Auf der Vergrösserung erkennt man die vielen Details einer solchen Münze, hier von DS Blümlisalp. Colombi hat den Entwurf jeweils im Massstab 10:1 gezeichnet.

Ueli Colombi in seinem Atelier in Merligen, links seine verwendeten Acrylfarben. Für die bevorstehende Ausstellung hat er sämtliche Bauzustände des “Spiezerli“s detaillierter, als jedes Foto dies zeigen könnte, gestaltet. In der unteren Etage seines Zuhauses wirkt die helle Stube wie ein Kunstmuseum im Kleinformat; da fährt z.B. die „Oriana“ durch den Suezkanal, von der Wüste Sinai direkt in die Wohnung Colombis. Im hinteren Teil hängen die grossformatigen Acrylwerke mit den Sujets DS Beatus, DS Helvetia, DS Bubenberg und DS Stadt Bern. Text und Bilder H. Amstad


Hinweise: *) Die Swissmint prägt und produziert die Schweizer Münzen für den täglichen Zahlungsverkehr. Ausserdem gibt die Münzstätte Sondermünzen in besonderer Qualität für den numismatischen Markt heraus. Diese Münzen sind mit einem nominalen Nennwert versehen. Swissmint ist zudem die offizielle Instanz für Echtheitsprüfungen.

**) Die Ersterscheinungsdaten der Münzen: DS Uri 04.05.2017, DS La Suisse 26.04.2018, DS Blümlisalp 24.01.2019

***) Ueli Colombi erinnert sich noch gut an die Namen der Schiffe: Allen voran natürlich die P&O-Orient-Liner (P&O und Orient hatten fusioniert) “Canberra”, “Oriana”, “Arcadia”, “Iberia”, “Chusan”, “Oronsay”, “Orsova”,  dann die Amerikaner “Monterey”, “Mariposa”, dann die Sitmar-Schiffe “Fairsky”, “Fairstar” oder die Orient Overseas-Liner der Tung Gruppe “Oriental Carnaval”, “Oriental Esmeralda” und, und, und, um nur ein paar zu nennen.
****) Die drei Dampfschiffmünzen haben eine Legierung von 0,835 Silber, ein Gewicht von 20 g und einen Durchmesser von 33 mm. Der Nennwert beträgt CHF 20.00, die Auflage 30 000 Stück (bei DS Blümlisalp 20 000) plus je 5 000 mit polierter Platte. Erhältlich ist die Rarität bei www.swissmintshop.ch zum Preis von 30 bis 60 Franken (je nach Mach- und Präsentationsart).

 
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Die Sächsische Dampfschifffahrt SDS stand ganz im Zentrum unserer Jubiläumsreise «10 Jahre Schiffs-Agentur» in und rund um Dresden. Obwohl das Programm etwas überladen schien und wir sämtliche Möglichkeiten des (nach dem Defizitjahr 2018 noch übrig übriggebliebenen) SDS-Fahrplanes im Angebot hatten, war es eine ausgesprochen gemütliche Mehrtagesreise. Zum einen lautete das Motto: «Die Elbe Dresdens für Einsteiger», zum andern waren die Teilnehmenden durchaus Profis und Vielbesucher dieser Gegend, die es aber schätzten, in guter Gesellschaft Schifffahrten zu erleben und «nichts studieren zu müssen», wie es ein Teilnehmer ausdrückte.

Einen gelungenen Start erlebten bereits am Ankunftsabend die 14 Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit der Abendfahrt der «Kurort Rathen». Ein kräftiges Gewitter kurz davor verscheuchte viele Passanten, sodass wir die Platzverhältnisse genossen. Ansonsten wunderten wir uns, dass auch in der Hochsaison der letzte Dampfer sonst bereits um 16.00 Uhr Dresden verlässt*. Die Sachsen kürzen ihre Raddampfer mit «PD» ab, was soviel heisst wie Personendampfer. PD Kurort Rathen ist selten in Dresden anzutreffen, normalerweise fährt der 123-jährige, in Blasewitz erbaute Zweidecker, ab Pirna oder Bad Schandau, zusammen mit dem PD Pirna (121 Jahre alt). Beide sind, zusammen mit dem PD Stadt Wehlen Publikumslieblinge, weil sie nebst dem Bug- und Hecksalon drei offene Decks aufweisen, die im Sommer begehrt sind. In Laubegast erkennen wir auf der Fahrt den PD Meissen auf der Werft an Land.

Neue Generatoren genügen verschärfte Abgasvorschriften

Die SDS ersetzt zurzeit sämtliche Dieselmotoren der Flotte, so auch alle Generatoren der neun Schaufelraddampfer. Alle Schiffe sollen möglichst ähnliche Aggregate bekommen, um den Service zu vereinfachen. Man setzt dabei auf den Marinemotor Volvo Penta Typ D5 für die Dampfschiffe und den Typ D9 (Generatoren) und D13 (Antrieb) für die Motorschiffe Gräfin Cosel und August der Starke. Erste Umbauten zum Beispiel auf PD Dresden oder PD Stadt Wehlen sind bereits als Pilotprojekte erfolgt und ich konnte erfreut feststellen, dass seit dieser Aktion der Dieselgenerator an und unter Deck nicht mehr zu hören ist. Da hat die Handwerkercrew, bestehend hauptsächlich aus den Maschinisten der Dampfer, gute Arbeit geleistet.

Die SDS wirft nicht freiwillig noch funktionierende Motoren weg. Doch die Abgasnorm CCNR 2 vom Bund schreibt (seit 2007) vor, dass bis zum 31.12.2019 alle Dreckschleuderer keine Fahrerlaubnis mehr bekommen. Zurzeit geschieht dies auf der "Meissen"; sie wird im August wieder zu Wasser gelassen, bevor dann die "Diesbar" an die Reihe kommt. Bei diesem bescheidenen Fahrplan sind in der Hochsaison nur noch 7 der 11 Schiffe notwendig, sodass – vorbehältlich genügendem Fachpersonal – gut ein Schiff auf der Werft sein kann.

Landschaftlich reizvoll

Auf langen Dampferfahrten kann man so richtig «die Seele baumeln» lassen, so geschehen an unserem zweiten Reisetag. Ideales Wetter und an Bord des 600-Personendampfers Dresden gute Platzverhältnisse bescherten uns über sieben Stunden wahres Dampferglück. Das Flaggschiff der SDS ist speziell für uns auf die sog. «Sächsischen Weinstrasse» nach Seusslitz eingesetzt worden. Der Kapitän und seine Mannschaft, aber auch das Personal der Borgastronomie, freuten sich mit uns. Maschinist Enrico meinte: «Das ist wie Ferien. Normalerweise sind wir auf der strengen Schlössertour eingesetzt, wo wir nicht selten mit der Ladung nach Pillnitz fahren. Ein solcher Tag wie heute haben wir im Schnitt einmal im Jahr auf dem Programm.» Zusammen mit dem Schwesterschiff Leipzig haben nur diese beiden Dampfer eine schrägliegende Dampfmaschine, während die übrigen sieben Dampfer oszillierende Anlagen haben. Die «Dresden» ist mit 68,7 m über 5 Meter länger als die «Stadt Luzern», hat aber bloss die Hälfte des Tiefganges (80 cm).

Am dritten Reisetag lernen wir den PD Pirna (Fahrt von Wehlen nach Bad Schandau) und am Abend den PD Stadt Wehlen kennen. Dazwischen gibt es Zeit für individuelle Wünsche. Der Grossteil der Reisegruppe fährt mit der 1898 erbauten Strassenbahn bei grosser Hitze ins kühlere Kirnitzschtal bis zum Lichtenhainer Wasserfall. Jeweils freitags und samstags bietet ein Raddampfer nach seiner ordentlichen Tour durch die Sächsische Schweiz noch eine Schrammsteinfahrt an. Die Schrammsteine sind eine langgestreckte, von der Elbe aus über 300 Meter hohe und zerklüftete Felsgruppe des Elbsandsteingebirges, die sich von Bad Schandau aus bis an die tschechische Grenze ausdehnt. An Bord des PD Stadt Wehlen weht eine Schweizer Bugflagge, die auf Initiative des Maschinisten Michael Kaiser via Robert Horlacher (und Walter Jau) zur Elbe kam und uns die Referenz erwies. Für die nicht-schweizerischen Gäste an Bord wurde mit der Flagge ins Bewusstsein geholt, dass wir uns hier in der sächsischen Schweiz aufhalten. Dieser geografisch heute etablierte Begriff entstand im 18. Jahrhundert, als die beiden Schweizer Künstler Adrian Zingg und Anton Graff 1766 an die Dresdner Kunstakademie berufen wurden. Von ihrer neuen Wahlheimat aus sahen sie in diesem Gebirge die Landschaft ihrer Heimat, nämlich den Schweizer Jura.**

Die 1882 erbaute Weisseritztalbahn von Dresden Freital bis Dippoldiswalde kam 2008, die Strecke von Dippoldiswalde bis zum Kurort Kipsdorf am 17. Juni 2017, fast 15 Jahre nach deren Verwüstung durch ein immenses Hochwasser, wieder in Betrieb. Wir sind am vierten Reisetag mit dieser dienstältesten, öffentlich betriebenen Schmalspurbahn Deutschlands unterwegs. Am Nachmittag heisst es dann «Leinen los» für die Canalettofahrt mit dem Raddampfer Nummer 5 unserer Reise, der «Diesbar» bei Kaffee, Kuchen, Hitze und vielen Leuten auf einer live kommentierten Stadtrundfahrt.

Kultur geht auch durch den Magen

Der zweitletzte Reisetag war der Stadt Dresden und deren Kultur gewidmet. Ein nostalgisches Sondertram, ein Lowa-Triebwagen 1538 mit Baujahr 1956, holt uns am Sonntag früh vor unserem Hotel ab und kurvt kreuz und quer durch das wie ausgestorben wirkende Dresden in Richtung Blasewitz. Die «Leipzig» bringt uns dann nach Pillnitz, dessen wunderbares Schloss und die beachtenswerten Gärten wir auf einer Führung näher kennen lernen. Vorgesehen war dann eine Sonderfahrt mit der ältesten Fähre der Verkehrsbetriebe Dresden, der «Erna». Doch leider hat uns die DVB die Extrafahrt zwei Tage vor Reisebeginn ersatzlos gestrichen mit der Begründung «Personalmangel, der Betrieb im Ausflugsverkehr wird auf unbestimmte Zeit eingestellt». Als Ersatz diente MS August der Starke, das uns nach Elbflorenz, wie Dresden auch genannt wird, zurückbringt. Auf einer packenden Stadtführung von Jürgen Mothes erfahren wir Hintergründe zur Geschichte und Stadtentwicklung der sächsischen Hauptstadt.

Den Abschluss des sog. Kulturtages bildete ein Besuch des Blauen Wunders und der einzigartigen Schwebebahn*** Loschwitz, bevor wir uns im Körnergarten bei besten Wetter-Verhältnissen kulinarisch verwöhnen liessen. Stefan Hellstern, Organisator der Reise, verstand es, uns täglich mit abwechselnden Menues in unterschiedlichen Lokalitäten auch kulinarisch einen Querschnitt durch die sächsischen (Ess-) Kultur zu zeigen. Dabei konnte er nicht mehr auf die SDS zurückgreifen. Ausser auf der kulinarischen Abendfahrt, die am Abend des zweiten Reisetages unter dem Motto Spargeln stand und keine Wünsche offen liess – ist die Speisekarte auf den Kursschiffen nur noch «einen Schatten seiner selbst», verglichen mit dem Vorjahr.

Bilder: Die Raddampfer gehören zur Stadtsilhouette von Dresden wie die Frauenkirche oder die Canaletto-Skyline. Das Flaggschiff Dresden auf der Fahrt vom Weinbaudorf Seusslitz nach Diesbar. Enrico ist Maschinist auf der «Dresden» und erklärt uns professionell die Funktionswese seiner Zweizylinder-Heissdampf-Verbundmaschine mit Einspritzkondensation und Ventilsteuerung sowie des 2-Flammrohr-Zylinderkessels. Ein seltener Anblick: die «Stadt Wehlen», normalerweise im Stadtgebiet eingesetzt, auf der Schrammsteinfahrt, an Bord die Reisegruppe der Schiffs-Agentur. Michael Kaiser betreut als Maschinist die oszylierende Antriebsanlage auf dem heuer 140-jährigen und somit ältesten Raddampfer Deutschlands; Kaiser ist ausserdem dem Fachpublikum ein Begriff als Mitglied des HES (Historikerkreis Elbe-Schiffahrt Dresden). Immer wieder ein Erlebnis: eine Fahrt durch die Sächsische Schweiz, hier mit PD Stadt Wehlen in Bad Schandau. Frohgelauntes Reiseteam vor dem Extratram am 16. Juni 2019.

Bilder im Textteil: Vom Turm der Frauenkirche hat man einen wunderbaren Ausblick auf die Stadt, die Elbe und die Schiffsanlegestelle der SDS. Speisesaal des Schlosses Pillnitz. Bild 4 R. Horlacher, Text und übrige Bilder H. Amstad.

Bemerkungen: *) Ein Vergleich zu Luzern ist angebracht, da beide Städte touristische Magnete mit vergleichbaren touristischen Schönheiten und Logiernächten sind: Dresden hatte 2018 4,6 Millionen Übernachtungen, Luzern zählte 2,2 Millionen Logiernächte. In Dresden gibt es nach 16.00 Uhr nur an einigen Tagen in der Woche eine einzige Schiffsabfahrt; entsprechend ist dieses Angebot oft früh ausgebucht. In Luzern gibt es zur gleichen Zeit 17 Schiffsabfahrten. Da fragt sich der Kunde, welche marktwirtschaftlichen Überlegungen hinter solchen Reduktionsmassnahmen der SDS liegen.

**) Quelle: Link

***) Technisch korrekt bezeichnet handelt es sich um eine Einschienenhängebahn. Sie ist 274 Meter lang und überwindet einen Höhenunterschied von 84 Metern. Sie wurde am 6. Mai 1901 eröffnet und 2007 zur Auszeichnung als Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland erkürt.

 
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