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Samstag, 24 Januar 2015 08:09

Der SGV-Nauen Rütenen mit einzigartigem Antrieb nur noch als Güterschiff unterwegs

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Auf vielen Gewässern der Schweiz werden Nauen oder Ledischiffe nebst dem Gütertransport auch für Festanlässe, Personentransport, Hochzeiten oder als Discoschiff eingesetzt.  Statt Kies oder Sand zu transportieren kann man auf diesen Güterschiffen auch fröhliche Feste feiern. Die für 40 Tonnen Material oder 60 Passagiere zugelassene „Rütenen“ hat sich hervorragend für Festanlässe geeignet. Selbst ein Grill war an Deck und der Wellengenerator gab gerade genügend Strom für 2 Kühlgeräte, Festbeleuchtung und eine Kaffeemaschine ab. Die 1930 erbaute „Rütenen“ wurde auch für die beliebten Nauen-Wanderungen eingesetzt. Das Schiff war zum Anlegen nicht auf die üblichen Kursschiff-Landungsbrücken angewiesen, es konnte fast überall mit dem Bug zum Land hin festgemacht werden. Damit konnten unbekannte Wanderrouten am See, wie etwa von der Unteren Nas nach Ennetbürgen oder die Risletenschlucht bei Beckenried ideal erschlossen werden. "Die zurückkehrenden Wanderer wurden dann mit einem in grossen Kesseln gekonnt gekochten Risotto empfangen", schwärmt Emil Zuber, der die Nauen-Wanderungen zusammen mit Peter Rüegger eingeführt und das 15-köpfige Nauen-Team ehrenamtlich organisiert hat. "Ich habe alle 80 Nauen-Wanderungen selber geleitet."

Ab dem 1. Januar 2015 hat sich nun aber leider die Bundes-Gesetzgebung für Güterschiffe, welche vorwiegend zum gewerbsmässigen Transport von über 12 Passagieren benutzt werden, verschärft. Diese Schiffe, welche anstelle von Gütern mehrheitlich gemütliche Gesellschaften transportieren haben sich nun gesetzmässig an die Auflagen von Fahrgastschiffen zu richten. Um den strengeren Vorschriften Rechnung zu tragen, müssen bei vielen Güterschiffen nun verschiedene Anpassungsarbeiten gemacht werden, zum Beispiel der Einbau von zusätzlichen Schottwänden. Die SGV-Geschäftsleitung hat entschieden, dass sich die Nachrüstung bei der „Rütenen“ nicht mehr rechnet, zu viel Geld müsste investiert werden.

Schade, damit verschwindet ein einzigartiges Schiff vom See! Das Schiff wurde 1930 in der Hasler Werft im Rotzloch am Vierwaldstättersee für die Sägerei Remigi Murer Beckenried* erbaut und wurde nach der Verlegung des Betriebs renovationsbedürftig an die SGV verschenkt. Nach einem Umbau 1985 wurde es bis 2014 auch für Personentransporte benutzt. Das Schiff ist historisch sehr wertvoll. Es ist das einzige Schweizer Fahrgastschiff mit einem Kitchen-Antrieb. Dieser einzigartige Antrieb wurde 1916 durch den britischen Admiral Kitchen erfunden. Ohne Getriebe oder Ruderanlage kann bei gleichbleibender Motorendrehzahl die Fahrrichtung wie auch Vor- und Rückschub verändert werden, indem zwei Küchenpfannen ähnliche Gebilde hinter dem Propeller verschoben beziehungsweise verschlossen werden können. Wenn diese ganz verschlossen sind, bildet sich darin eine Umkehrströmung, ähnlich der Schubumkehr bei Jet-Antrieben**.

Als einer der wenigen SGV-Schiffsführer, welche auf dem Schiff ausgebildet wurden, freute ich mich jeweils sehr auf diesem exotischen Schiff eingeteilt zu werden. Auch wenn gelegentlich der Würstchenduft vom Grill an ein gemütliches Fest erinnerte, war das Schiff sehr anspruchsvoll zu navigieren. Ein Blick ins Steuerhaus des Schiffes (Bild) zeigt, dass jeweils zwei Steuerräder bedient werden mussten. Das äussere Holzrad bestimmte die Fahrrichtung und das innere Messingrad war für den Öffnungswinkel der Kitchen-Kappen und damit für den Vorwärts- bzw. Rückwärtsschub zuständig. Bedingt durch die Schubumkehr und den schwachen 110 PS Saurer Motor hatte das kleine Schiff einen langen und über 45 Sekunden dauernden Bremsweg. Gerade bei grossem Verkehrsaufkommen in der Luzerner Seebucht, wie etwa dem Blue Balls Festival, wo manchmal noch morgens um 2 Uhr fröhliche Motorbootfahrer in Partylaune knapp vor dem Bug vorbeikreuzten, kam ich an den beiden mechanischen Steuerrädern ab und zu ziemlich ins Schwitzen.

Die 30-jährige Ära mit Fahrgasttransporten ist nun vorbei. Das Schiff wird auch in naher Zukunft bei der SGV benützt: Es ist jeweils in den Wintermonaten in der Werft mit einem grossen Tank ausgerüstet und fährt von einem Kursschiff zum anderen. Dieser Tank nimmt das Abwasser aus der Bilge auf, welches bei der Schiffs-Schalenreinigung entsteht. Dieses kann anschliessend fachgerecht entsorgt werden.

Der Nauen Rütenen, nach einem Wiler zwischen Beckenried und der Risletenschlucht benannt, hat als Personenschiff ausgedient. Zum Glück bleibt der heute einzigartige Nauen als SGV-Dienstschiff erhalten. Das Schiff hat zwei Steuerräder: mit dem äusseren steuert der Schiffsführer, mit dem inneren öffnet und schliesst er die sog. Pfannen, die den Vorwärts- und Rückwärtsschub bestimmen. Bilder aus alten Zeiten: Für die Sägerei Murer entlädt die "Rütenen" ihre Produkte in Füelen und lädt Stämme an einer Böschung. Bilder 1 und 3 T. Lottenbach, Bilder 6 und unten Verkehrshaus der Schweiz/R. Gwerder, Text und übrige Bilder M. Bisegger.

*) Quelle Rolf Gwerder „Nauen auf dem Vierwaldstättersee“ 2011

**) Funktionsskizzen sind auf Wikipedia ersichtlich: http://en.wikipedia.org/wiki/Kitchen_rudder

 

 

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