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Samstag, 06 Februar 2016 18:42

Historisches Schiffsmodell wieder in Zug

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Der Eindruck ist irritierend: man erkennt auf den ersten Blick das Erscheinungsbild der „Stadt Luzern“, ein in dieser Art einzigartiges Dampfschiff und liest beim Radkasten „Stadt Zug“. Ich sah bisher das zwei Meter lange Modell in alten Abbildungen, wie es auf dem Zugersee schwimmt und vor wenigen Jahren im Büro von Manfred Wenger in Zug. Das Modell war in der Tat ein Hingucker, interessierte mich aber nicht weiter.

Dank den umfangreichen Recherchen von Oskar Rickenbacher, einem passionierten Sammler und Lokalhistoriker der Stadt Zug, hat nun das Schiffsmodell auch bei mir das Interesse geweckt. An der GV des Orionclubs* vom 26. Januar 2016 wurde beschlossen, das Modell in die Sammlung aufzunehmen und künftig im Zuger Depot für Technikgeschichte ZDT in Neuheim auszustellen. Für den Kauf des Modells und die Präsentation im Museum stehen rund 15 000 Franken zur Verfügung, die durch Spenden zusammen kamen. Oskar Rickenbacher: „Dieses Ergebnis ist unglaublich und zeigt, wie die Erinnerungen der alten Zuger an das vertraute Bild aus den Fünfzigerjahren wieder wach wurden.“

Das Modellschiff Stadt Zug wurde durch den Zuger Martin Weiss-Elmiger (1889-1973) in Originalmaterialien kunstvoll gebaut: die Schale und Aufbauten aus Blech, das Deck und die übrigen Bauten aus Holz und das Zeltdach aus Jute. Martin Weiss war Zugersee-Schiffsführer auf der „Schwan“ und dem DS Rigi. Ausserhalb der Schifffahrtssaison las er für die Wasserwerke Zug Gaszähler ab. Er war oft in Luzern und auf den DGV-Dampfern. Rickenbacher: „Dank einer weiteren Leidenschaft, nämlich jene des Fotografierens und seiner Disziplin, die Bilder minutiös zu beschriften, lassen sich heute gesicherte Recherchen anstellen.“ Die 1928 erbaute „Stadt Luzern“ hat Martin Weiss derart imponiert, dass er ein solches Schiff auch auf dem Zugersee wollte – und wenn es nur als Modell war. Entsprechend sollte es eine „Stadt Zug“ werden. Im Dachgeschoss seiner Wohnung am Reiffergässli 7 in Zug hatte er eine mechanische Werkstatt, wo er zusammen mit seinem Bruder August Weiss-Burri (1891-1978) das Modell von 1929 bis 1931 erbaute, also bloss ein Jahr nach dem Stapellauf des Vorbildes „Stadt Luzern“. August Weiss war Emailmaler in der Metallwarenfabrik Zug (Metalli).

Im Sommer lag das Modellschiff ab 1931 bis in die Fünfzigerjahre jeweils in der Katastrophenbucht in Zug vor Anker und war vor allem für die Kinder ein faszinierender Anziehungspunkt. Es gibt heute kein Zuger, der sich nicht dran erinnern kann, vorausgesetzt sie oder er ist älter als 60. Entsprechend gross war die Resonanz, als das verschollen geglaubte Schiff wieder auftauchte. Rickenbacher: „Ich habe dies in meiner Jugendzeit immer wieder bewundert. Es ist für mich ein Zeitzeuge, Denkmal und Kulturobjekt“. Im Winter war es jeweils am Reiffergässli hinter den Vorstadthäusern in Zug unter Dach aufgestellt. In Abbildungen kommt das Modell vor allem in den Dreissigerjahren immer wieder zu Ehren: an den Jugendfesten der Stadtschulen 1934 und 1935, auf einem Umzugswagen beim 75-Jahrjubiläum der Kantonsschule und vielem mehr. Oskar Rickenbacher: „Anfangs der 70-er-Jahre wurde dann das Schiff verschenkt und in einem Garten der Familie Dietschy an der Albisstrasse 5 in Cham aufgestellt. Durch die Witterungseinflüsse litt das Schiff sehr, es rostete und verlor Farbe und Glanz.“

Erich Hörner (1920-2005), ein leidenschaftlicher Hobby-Seemann und Sammler nautischer Gegenstände mit Beruf Werbefachmann aus Uster, entdeckte das Modell in Cham und kaufte es in den 90-er-Jahren. An Hand von Fotos restaurierte Hörner das Schiff in vielen Arbeitsstunden, gab nach Auskunft seiner Tochter Susi Hörner dem Schiff zwei Rettungsboote und den Innenausbau des Steuerhauses. Susi Hörner: „Es hat schon sehr lange gedauert, bis aus dem Rosthaufen ein ansehnliches Modell wurde.“ Am 27. Januar 2005 verstarb Erich Hörner und seine Tochter und ihre Söhne mussten die umfangreiche Sammlung auflösen. Das Schiff Stadt Zug gelangt in der Folge an Dieter Hoheisel, einem in Deutschland tätigen Broker, der auch mit grossen Schiffen handelte. Sein Sohn Jens Christ stellte es dann durch seine Firma ins Netz, wo es dann der Zuger Manfred Wenger im Jahr 2008 entdeckte und erwarb. Manfred Wenger: „Als Kind habe ich Fotos vom Modellboot gesehen und wollte es schon immer haben, leider - oder zum Glück - konnte ich es dann erst im ‚hohen’ Alter kaufen.“ Er stellte es in sein Büro. Damit schloss sich der Kreis der Wanderjahre des Modells Stadt Zug.

Oskar Rickenbacher hat nun bei einem Besuch bei Manfred Wenger das Schiffsmodell entdeckt. Rickenbacher: „Im Frühling 2015 informierte er mich, dass er das Schiff ins Riccardo stelle. Ich suchte dann Möglichkeiten, das Modell zu kaufen und einer öffentlichen Institution zukommen zu lassen.“ Dies gelang dem rüstigen 77-jährigen auf Anhieb, mit viel Einsatz und Engagement, sodass nun die Geschichte des historischen Raddampfermodells Stadt Zug weitergeht. Es gibt weit und breit kaum ein anderes so altes Schiffsmodell, das so gut und lückenlos dokumentiert ist wie dieses.

Bilder: Oskar Rickenbacher hat in aufwändigem und engagiertem Einsatz das geschichtsträchtige Schiffsmodell für die Öffentlichkeit gerettet, das 45 kg schwere und 1.95 m lange Modell wird künftig in Neuheim zu bewundern sein. Martin Weiss schrieb in seinem Fotoalbum unter diesem Bild: „DS Stadt Luzern - das Vorbild“ abgebildet mit Frau und Sohn um 1933. Martin Weiss auf einer der zahlreichen Ausfahrten, wo er die „Stadt Zug“ im Schlepptau mitführte. In den Wintermonaten war das Modell am Reiffergässli ausgestellt (Bild aus dem Jahr 1934). Jeden Frühling gab es einen Stapellauf. Die „Rigi“ mit Dampfantrieb trifft auf die „Stadt Zug“ ohne Antrieb 1938 in der Katastrophenbucht in Zug. Ausfahrt mit der „Stadt Zug“ bis nach Immensee (1939). Jugendfest 1934 am Umzug an der Abzweigung Alpenstrasse/Chamerstrasse in Zug. Erich Hörner restaurierte und ergänze das Modell in den Neunzigerjahre, hier ein Blick in seine Wohnung. Die Tochter Susi Hörner: „Unser Einfamilienhaus wurde langsam aber sicher zu einem Schiff. Nur das Schlafzimmer meiner Mutter war ‚normal’.“ Text und Bild 1 H. Amstad, Bild 6 S. Hörner, übrige Bilder Sammlung O. Rickenbacher.

Hinweis: Das Modell wird künftig im ZDT zu sehen sein (Sihlbruggstrasse 51 in Neuheim Link)

 

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