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Freitag, 25 März 2016 21:47

Schiffsrochaden auf dem Neckar: die alte „Liselotte von der Pfalz“ wird Schweizerin, die neue kommt aus Österreich

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Bei meinem Besuch bei der Weissen Flotte Heidelberg ruht die Schifffahrt auf dem Neckar noch. Aber im Hintergrund laufen die Saisonvorbereitungen auf Hochtouren. Geschäftsführer Karl Hofstätter kommt am Morgen früh aus Mondorf zurück, dort entsteht zur Zeit ein Neubau der Lux-Werft für seine Flotte. Gleichzeitig wird auch an einem andern Ort auf Hochtouren gearbeitet: In Neckarstein wird die ehemalige „Hallstatt“ zur neuen Neckarfähre umfunktioniert. Auch im Büro herrscht Hochbetrieb, zahlreiche Reservationen gilt es zu bearbeiten. Auf 150 000 Heidelberger kommen jährlich 3,5 Millionen Touristen. Da kommt Hofstätter ins Schwärmen: „Ein solches Potenzial gibt es nicht häufig in Deutschland“. Die Medaille habe aber auch eine Kehrseite, meint der Unternehmer: „Zu lange wurde nur ‚gezogen’ und nicht investiert. In Sachen Dienstleistungshaltung herrscht Aufholbedarf. Die Heidelberger sind schwer zu haben für Innovationen, wenn ich da zum Beispiel an die herrlichen Quaianlagen von Städten an andern Flüssen denke.“ Ich kann das bestätigen: an beiden Ufern des Neckars führen Hauptstrassen durch, der Fluss und somit die Schiffsanlegestellen sind städtebaulich vom Puls der Stadt abgeschnitten, die Stadt erscheint mir etwas ältlich und verstaubt. Die Massen von Touristen strömen ins Schloss und sind über die urtümlichen und sehr zahlreichen Gasthäuser entzückt. Nach einer oder höchstens zwei Übernachtungen sind sie wieder weg.

Die Geschichte der Neckar-Ausflugsschifffahrt reicht ins Jahr 1925 zurück. 1972 haben sich drei Heidelberger und zwei Neckarsteinacher Unternehmen zur sogenannten Rhein-Neckar-Fahrgastschifffahrt (RNF) zusammen geschlossen, einem losen Verband. Die fünf Gesellschafter brachten damals 14 Schiffe in die neue Gesellschaft ein. Hofstätter: „Das war immerhin schon was, obwohl jeder immer noch für sich selber wirtschaftete und deshalb die Motivation für eine Weiterentwicklung fehlte.“

Karl Hofstätter ist ein Schifffahrtsunternehmer mit Herzblut. Er stand schon mit neun Jahren unten am Neckarwasser, schaute fasziniert den Schiffen zu und half an Bord eines Fahrgastschiffes auch mal mit. Nach dem Abitur war für ihn der Werdegang klar: Sein Traum einer Schifferausbildung wurde bei der KD in die Tat umgesetzt. Noch nicht 30 machte er erste Erfahrungen als Unternehmer: er liess nach seinen Ideen das Flusskreuzfahrtschiff Liberté umbauen und fuhr dieses 26 Jahre lang durch Europa. "Mich zog es dann wieder in die Heimat.“ 2009 kann Karl Hofstätter die MS Europa und MS Georg Fischer von einem der fünf Firmen übernehmen. 2012 erwirbt er weitere Schiffe von unterschiedlichen Eignern. Nach und nach werden alle Schiffe renoviert und technisch überholt. 2013 fusionieren die noch zwei übriggebliebenen Gesellschaften: die Bossler OHG mit den Schiffen Alt Heidelberg und Germania und die Flotte von Karl Hofstätter. Es entsteht die „Weisse Flotte Heidelberg“. 2014 wird die „Georg Fischer“ nach Heilbronn verkauft, 2016 erhalten die Heidelberger erstmals seit 47 Jahren ein neues Schiff. Die Zahl der beförderten Passagiere liegt pro Jahr bei rund 200 000, dies bei einem Mitarbeiterstand von 15 Ganzjahres-Beschäftigten und weiteren 40 in der Hauptsaison.

Nun ist das Augenmerk von Karl Hofstätter auf die Erneuerung der Flotte gerichtet. Am 7. Mai 2016 steht die Jungfernfahrt seines neuen Eventschiffes Königin Silvia* auf der Agenda: "Das wird ein tolles Schiff.“ Er zeigt mir auf dem Smartphone den momentanen Bauzustand in Bildern. Wie immer kurz vor der Ablieferung kann man sich kaum vorstellen, dass das Schiff am 7. Mai in Betrieb kommen soll, so viel gibt es noch zu tun. Auch noch viel zu tun gibt es bei der "Liselotte von der Pfalz" II. Auf meinem Werftbesuch in Neckarsteinach (Werft Ebert) sehe ich, dass rostige Stellen und alte Farbe abgeschliffen werden. Dieses Schiff sah ich letztmals in Hallstatt, es wartete auf einen Käufer. Bei der Einweihung der neuen „Hallstatt“ am 23. Mai 2015 kam es noch zur Umtaufe des alten Schiffes in „Krippenstein“.

Die Initiative, die ex-“Hallstatt“ vom österreichischen Salzkammergut ins deutsche Heidelberg zu transferieren, kam vom Schweizer Beat Schär, Inhaber und Betreiber der Firma Olagomio** in Murten. Hofstätter: „Schär wollte mit Nachdruck unsere ‚Liselotte von der Pfalz’ kaufen, ein historisches Schiff aus dem Jahr 1925. Für mich hatte der Verkauf keine Priorität. Als Beat Schär dann aber mit dem Vorschlag der ex-„Hallstatt“ kam, fing das an, interessant zu werden. Wir reisten an den Hallstättersee und wir waren von Anfang an begeistert vom Schiff. Für unseren Zweck hat es eine gute Raumeinteilung, ist je einen Meter länger und breiter als die alte ‚Liselotte’ und hat ein Oberdeck. Rollstühle, Kinderwagen und Fahrräder können wir neu mitnehmen.“ So hat das Schiff mit Baujahr 1972 Hallstatt am 29. Dezember 2015 verlassen und wird nun zur neuen „Liselotte von der Pfalz“ II. Und am 2. März 2016 ist die alte „Liselotte von der Pfalz“ I aus Deutschland in der Schweiz angekommen und wird nun zur „Murten“. Schiffe sind ein nachhaltiges Produkt!

Beat Schär: „Die ‚Liselotte’ wurde via Neckar und Rhein nach Mannheim (Hafen Rheinau) überführt. Vom 29. Februar nachts bis zum 2. März frühmorgens fand der Strassentransport nach Sugiez am Broyekanal statt. Noch gleichentags wurde das 34 Tonnen-Schiff mit dem Pneukran eingewassert und die Aufbauten wieder montiert. Dann erfolgte die Überfahrt nach Murten und seither sind wir am Einrichten des klassischen Schiffes beschäftigt. Wir sehen vor, den Charter-Betrieb Mitte April aufzunehmen.“

Die Schiffs-Agentur plant für 2017 je eine Fahrt mit beiden „Lottis“: anfangs Jahr mit der alten „Liselotte von der Pfalz“ in Murten und Ende August eine Dreitagesreise zur „Liselotte von der Pfalz“ II (inkl. Museumsschiff DS Mainz in Mannheim). Die Reiseausschreibungen werden ab Herbst 2016 veröffentlicht.

Bilder:  Das bisherige Flaggschiff Europa, hier vor der grossartigen Kulisse Heidelbergs, muss bald seinen Titel abgeben an MS Königin Silvia, hier noch in der Lux-Werft in Mondorf. Das ehemalige Hallstättersee-Schiff wird optisch in der Werft Ebert wieder auf Vordermann gebracht. Karl Hofstätter schaut zuversichtlich in die Zukunft. Die alte „Liselotte von der Pfalz“ wird in Mannheim ausgewassert und per Strassenweg nach Sugiez gebracht. Probefahrten auf dem Bielersee, der Bug ist noch unbeschriftet. Text und Bilder 3 und 4 H. Amstad, Bild 1 Ch. Ecken, Bild 2 K. Hofstätter, Bild 5 B. Schär, Bild 6 R. Graf.

Bemerkungen *) Das neue Flaggschiff der Reederei erhält den Namen einer noch lebenden Persönlichkeit der Zeitgeschichte: Königin Silvia von Schweden (*1943) wurde in Heidelberg geboren.

**) Olagomio hat ihr MS Albatros auf den Untersee verkauft: Das Schiff wurde im Januar 2016 von Murten nach Solothurn gefahren und mit einem Strassentransporter in die Ostschweiz gebracht, www.unterseeschifffahrt.ch. Die Olagomio betreibt ausserdem MS Murten den Schraubendampfer Sirius.

***) Die Weisse Flotte Heidelberg besteht aus: MS Königin Silvia (2016, Lux-Werft Mondorf, 600 Personen), MS Europa (1969, Schiffswerft Schmidt Oberwinter, 500 Personen), MS Alt Heidelberg (1968, Schiffswerft Ebert Neckarsteinach, 500 Personen), MS Schloss Heidelberg (ex-Brunhilde, ca 1928, seit 1984 auf dem Neckar, 500 Personen), MS Merian (500 Personen), MS Germania (1959, Schiffswerft Schmidt Oberwinter, 200 Personen), MS Liselotte von der Pfalz (ex-Hallsatt, 1972, seit 2016 auf dem Neckar, 65 Personen)

Info-Box: Olagomio AG, www.olagomio.ch / Weisse Flotte Heidelberg, www. http://www.weisse-flotte-heidelberg.de / Video (Link)

 

 

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