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Montag, 06 März 2017 06:57

Reisebericht: Ein Tag vor der Basler Fasnacht mit Rheinschiff und Oldtimertram unterwegs

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Sonnenschein begleitet den gelungenen Start des Schiffs-Agentur-Angebotes „Vorfasnächtliches Basel: Exklusives auf dem Rhein und auf Schienen“ von der sogenannten „Rhywyera“ aus bei der Mittleren Brücke in Kleinbasel. Jedes der zwei Aluboote Rhydampferli (Baujahr 2007) und Rhyperle (Baujahr 2012) nimmt 12 Personen auf. Das Unternehmen „Rhytaxi Basel GmbH“ wurde am 1. Juni 2001 von René Didden gegründet. Es besitzt ausserdem noch zwei weitere Boote: die „Rhymugge“ (Baujahr 2008) und die „Rhyblitz“ (Baujahr 2016).

Wir kurven rheinabwärts, zuerst den Hotelschiffen „Thurgau Ultra“ (ex-Premicon Queen), Edelweiss und Charles Dickens vorbei. Ein viertes Hotelschiff wird grad im Moment der Vorbeifahrt durch die amtierende Thurgauer Apfelkönigin Angela Stocker auf den Namen „Thurgau Silence“ getauft. Dieses Schiff erlebt bereits seine 2. Taufe. 2006 war es als „Bellevue“ (ebenfalls Premicon) in Betrieb gekommen. Es gehört zum Typ TwinCruiser, bei dem die Fahrgasteinheit vom Antriebsschiff baulich voneinander getrennt ist, ähnlich wie bei einem aus der Güterschifffahrt bekannten Schubverband.

Wir fahren weiter in Richtung Dreiländereck, wo, bereits auf französischem Terrain, unter riesigen, weissen Zelten kontaminiertes Aushubmaterial vom Novartis Campus (ehemals St.-Johann-Hafen) abgetragen wird. Hektaren grosse Felder müssen hier für mehrere Hundert Millionen Franken sonderentsorgt werden. Die toxische Erde der ehemaligen Ciba-Geigy wird auf Schiffe verladen und in die Niederlanden transportiert, um sie fachgerecht zu verbrennen. Genau auf dieser Höhe kommt uns das BPG-Schiff Lällekönig entgegen. Es war geplant, dieses baulich interessante Schiff durch einen heute in Linz befindlichen Neubau zu ersetzen. Inzwischen sind aber die Verantwortlichen zur Einsicht gelangt, die „Lällekönig“ zu behalten. Die Parallelfahrt mit den Taxibooten freut die Fotografen. Weiter geht’s zur Schleuse Birsfelden – die Reisegruppe steigt hier nach einer Stunde „Froschperspektive“ auf die „Lällekönig“ um. Zwischen den zwei Schleusen Birsfelden und Augst wird das Mittagessen serviert. Während einige weiterhin den warmen Salon im Unterdeck geniessen, halten andere die Stellung auf dem Freideck. Spätestens auf der Rückfahrt von Rheinfelden wieder zurück zur Schleuse Birsfelden treibt es auch die grössten Naturliebhaber in den „Schärmen“: eine Kaltfront sorgt für einen nassen Ausklang der Reise.

Vorher aber stehen noch weitere Exklusivitäten bevor. Das erhöhte Fahrgastaufkommen zwingt die Basler Personenschifffahrt, anstelle des von uns favorisierten MS Baslerdybli die „Lällekönig“ auf den Kurs zu nehmen.Als Ersatz können wir dann nach der Schleusenfahrt noch eine Stadtrundfahrt auf dem Wasser mit dem als Dampfer nachempfundenen Schiff exklusiv für uns unternehmen. Das war eine super Geste der BPG. Warum aber sieht dieses Schiff so nostalgisch aus? Das hat seine Geschichte, die ich hier kurz schildern möchte.

MS Baslerdybli liess der damalige BPG-Direktor Hans Ritter 1980 um einen Salon herum bauen: Kernstück ist der 1. Klass-Salon des ehemaligen Raddampfers Pilatus vom Vierwaldstättersee. Vorgesehen war, dass die Meidericher Werft in Duisburg grad beide Schiffe – die „Lällekönig“ und die „Baslerdybli“ – bauen würde. Doch die Idee von Hans Ritter liess sich mit den Meiderichern nicht verwirklichen, sodass dann nur die „Lällekönig“ in Duisburg gebaut wurde. Für die „Baslerdybli“ kam die Linzer Werft zum  „Handkuss“ – nun mit dem Vorteil, dass beide Schiffe parallel gebaut und dann auch zusammen eingeweiht werden konnten. Doppeljungfernfahrten sind in der Schweiz ein seltenes Ereignis – wir können heute grad mit beiden Schiffen fahren. Hans Ritter, ein begeisterter Dampferfan, wollte ursprünglich einen Prager Dampfer nach Basel holen, denn die Dimensionen hätten ideal gepasst. Das Vorhaben scheiterte an der kommunistischen Partei Tschechiens – ein Vorhaben übrigens, das dann nach der Wende 18 Jahre später den Weser-Dampferfans aus Minden gelang.*

Das Finale des Tages besorgt ein Oldtimertram aus dem Jahr 1920. Der Motorwagen Be 2/2 Nr. 156 führt uns während einer Stunde von der Schifflände via Badischer Bahnhof und der Basler Bergstrecke aufs Bruderholz zum Hauptbahnhof Basel. Mit maximal 30 km/h bleibt schön Zeit, auch das Innere dieses hübsch renovierten Zeitgenossen zu bestaunen. Neu waren vor rund 100 Jahren der Einbau von Magnetschienenbremsen sowie Quer- statt Längssitze für die Passagiere. Dieser Typ wurde bis 1966 im Fahrplanverkehr eingesetzt. Er fuhr bereits dazumal auf das Bruderholz und stand mehr als 50 Jahre lang im Einsatz.

Bilder: Start bei interessanter Westwindwetterlage in Kleinbasel: links das Boot Rhydampferli mit Baujahr 2007, rechts de „Rhyperle“ mit Baujahr 2012. Wir gleiten auf unmittelbarer Wasserhöhe und begleiten sozusagen aus der Froschperspektive das BPG-Schiff Lällekönig. Für grosse Schiffe gibt es in der Schweiz nur drei Schleusen; nebst eine in Nidau (Aare) je zwei Schleusenpaare auf dem Rhein. Wir verlassen soeben die Ältere und Kleinere von Birsfelden (Bau 1954). Die Luftaufnahme zeigt die schön gestaltete Anlage, wo sich rechts die Staumauer, in der Mitte das Kraftwerk und links die beiden Schleusenkammern befinden. Gleich danach steigen wir auf das MS Baslerdybli um für eine Stadtrundfahrt auf dem Wasser (Bild Textteil). Beim Fischmarktbrunnen empfängt uns der Oldtimer Be 2/2, der uns dann zum Abschluss eines erlebnisreichen Tages durch das regnerische Basel führt, jetzt auf Schienen. Bild 1 St. Hellstern, Bild 4 Link, Text und übrige Bilder H. Amstad. Weitere Bilder von MS Baslerdybli siehe Link.

Bemerkungen: *) Hans Ritter wollte ursprünglich den Raddampfer Labe mit Baujahr 1949 nach Basel holen. Zuletzt war die „Labe“ der letzte kohlegefeuerte Raddampfer der Prager Reederei. 1986 ausser Dienst gestellt, rostete seine Schale durch und das Schiff sank am 17. August 1997 in der Moldau bei Smichov. Nach der Hebung kaufte die Mindener Entwicklungs- und Wirtschaftsförderungsgesellschaft (MEW) das Wrack und restaurierte es bis ins Jahr 2001. Als „Wappen von Minden“ fuhr dann das Schiff auf der Weser. Seit 2015 verkehrt das Schiff als „Weserstolz“. Es unternimmt von der Schlachte in Bremen Ausflugsfahrten und gehört neu zur Fahrgastschifffahrtsgesellschaft Hal Över.

 

1 Kommentar

  • Kommentar-Link Elisabeth Freitag, 17 März 2017 19:52 gepostet von Elisabeth

    Super gemacht! War ein sehr schöner und angenehmer Tag! Danke!

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