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Freitag, 26 Mai 2017 14:55

Aus der „Rembrandt“ wird eine „Pearl“: ein zweites „Kleines“ für die Schweizer Excellence-Flotte

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Diamanten, Saphire, Rubine und nun noch eine Perle, es funkelt nur so in der Phantasie der Namensgeber für Schiffe. Helden wie Winkelried und Wilhelm Tell, Dichter wie Goethe und Schiller, Adelige wie Kaiser Franz Josef und Sissi, Generäle wie Dufour und Guisan – das was einmal. Selbst Orts-, Gewässer- und Gipfelnamen entsprechen nicht mehr dem heutigen Zeitgeist. Es war zu erwarten, dass MS Rembrandt, benannt nach dem bedeutendsten holländischen Meistermaler des Barock, nach der zweiten Taufe vom 20. Mai 2017 unter einem andern Namen unterwegs sein wird. Seit die „Rembrandt“ – nomen est omen – im Februar 2015 brannte, wartete sie in der holländischen Teamco-Werft in Heusden auf einen Käufer. 120 Tonnen Material wurde aus dem Schiff geräumt, bevor man mit dem Umbau beginnen konnte.

„Kleinere Schiffe entsprechen einem Bedürfnis der Kunden“, bemerkt der Geschäftsführer des Reisebüros Mittelthurgau Stephan Frei, „wir sind froh, ein weiteres Schiff dieser Grösse und Wendigkeit in Betrieb setzen zu können und damit weitere, selten befahrene Flussreisegebiete zu erschliessen.“ Nebst der „Coral“, der bisher kleinsten Einheit der Excellence-Flotte, musste ein zweites „Kleines“ her und dieses fand man eben in der Form der „Rembrandt“. VR-Präsident Karim Twerenbold: „Das Schiff wurde vollständig ausgekernt. Mit der Schaffung von französischen Balkonen, die die ‚Rembrandt’ vorher nicht hatte, griffen wir sogar in die Struktur des Schiffes ein: Schweissbrenner machten gröbere Arbeit.“ Neue Vorschriften wie z.B. die Schaffung eines zusätzlichen Fluchtweges waren im Prozess des Umbaus weitere Herausforderungen. Für das Innendesign war wiederum wie bei den andern Excellence-Schiffen Lazly Twerenbold zuständig, Mutter von Karim und Gattin des im Dezember 2015 verstorbenen Werner Twerenbold*. Die Twerenbold Reisen Gruppe engagiert sich nicht zum ersten Mal im Schiffsbau: Sie baute schon mit der Instandstellung die „Excellence Coral“ (2012, ehemals MS Swiss Coral) und die „Excellence Katharina“ (2015/16, ehemals MS Lavrinenkov) um.

Mit 1,4 m Tiefgang und „bloss“ 82,9 m Länge brechen nun die Fahrgäste mit der „Pearl“ zu neuen Ufern auf: Flandern und Wallonien, Mosel, Saar und Neckar, Friesland und das Wattenmeer, holländische Kanäle und das Ijsselmeer. Der Kapitän Raul Kraiier gibt das Wortspiel zum Besten: „Die ‚Pearl ist excellent zu manöverieren.“ Das Schiff wurde 2003 auf der Schiffswert Grave/NL für den niederländischen Unternehmer Marten Groen gebaut. Nach Auskunft von Stephan Frei hatte Groen dieses selber betrieben und es war von 2003 bis 2009 für den US-amerikanischen Reiseveranstalter Intrav (St. Louis) auf den Flüssen Europas wie Donau, Rhein und Mosel unterwegs. 2009 wurde das Schiff an die REI (River Equity Invest AG, ein Fond) verkauft und kam bis Ende 2014 nach Frankreich auf die Rhone. River Advice war für das nautisch-technische Management und das Catering für die Reederei Noble Caledonia verantwortlich. Im Februar 2015 kam es auf der Überfahrt von Marseille nach Rotterdam zum verheerenden Brand, wobei zum Glück niemand verletzt wurde. Mit der Taufe in Basel beginnt nun für das Schiff ein zweiter Frühling. Schiffspatin ist die Moderatorin und Miss Schweiz von 2006 Christa Rigozzi aus dem Tessin.

„Time ist money“ gilt auch in dieser Branche: Selbst die Überstellungsfahrt von der holländischen Werft in Heusden zum Taufakt in Basel konnte gebucht werden. Kaum haben die Primeur-Gäste das Schiff am Klybeck an der Plattform 2 in Basel verlassen, kommt schon die erste Busladung des Reiseprogrammes „Schiffsbesichtigung“ an, die zu einer Schiffsrundfahrt durch Basel starten. Um die Mittagszeit kommen neue Busse mit neuen Gästen an und ebenso am Nachmittag. Die Fahrten sind jedes Mal ausgebucht und dies zu Preisen bis zu 99 Franken (inkl. Carfahrt und Mittagessen). 10 Busse brachten über 500 Fans aus der ganzen Schweiz nach Basel. Nach der Taufe geht’s gleich los mit der Jungfernfahrt, die in der Nacht vom 20. auf den 21. Mai mit den geladenen Gästen nach Strasbourg führt, wo dann gleichentags der Start zur ersten offiziellen 10-Tagesfahrt über Rhein, Mittellandkanal und die Havel nach Berlin erfolgt.

Bilder: Moderator Sven Epiney steht an der Seite von Christa Rigozzi, als nach ihrem Taufspruch die Champagnerflasche herzhaft zerschellt. Die „Pearl“-Familie auf einem Blick: Stephan Frei (Geschäftsführer Reisebüro Mittelthurgau), Karim und Lazly Twerenbold geniessen den Moment der Taufe „ihres“ 9. Schiffes (vordere Reihe links). Die Innengestaltung überzeigt durch Klarheit und schlichtem Design, hier die Rückwand der Rezeption. Der Shantychor Störtebekers aus Basel und das Quartett Phenomen sorgen für den musikalischen Rahmen der Feier. Diese Werftaufnahme zeigt auch das Grössenverhältnis der „Excellence Pearl“ zu den übrigen Schiffen der Flotte.

Bilder im Textteil: Die "Excellence Pearl" auf ihrer Tauffahrt in Basel am 20. Mai 2017 und auf der ersten Fahrt von Holland in die Schweiz am 17. Mai bei Kaub (unten). Dazwischen ein Blick in das Untergeschoss, wo geschickt platzierte Spiegel über die sehr engen Verhältnisse hinweg täuschen. Bild 6 und 2 im Textteil bd, Text und übrige Bilder H. Amstad

Technische Daten MS Excellence Pearl: Baujahr 2003 / Werft Scheepwerf Grave Holland / Länge/Breite 82.90 m / 9,42 m / Tiefgang leer 1.40 / Leistung Antrieb: 2x 481 KW / Anzahl Kabinen: 41 / Hotelgäste: 82

Bemerkung: *) Karim Twerrenbilld führt das Reiseunternehmen in vierter Generation; das Unternehmen blickt auf eine 120-jährige Geschichte zurück. Der Schiffs-Reiseveranstalter Mittelthurgau ist Teil der Twerenbold Reisen Gruppe, zu der auch Twerenbold Reisen in Baden, Imbach Reisen in Luzern und Vögele Reisen in Zürich gehören. Zum Unternehmen zählt auch die Schiffsreederei Swiss Excellence River Cruise in Basel, deren Flotte heute neun Flussschiffe zählt. Das Reisebüro Mittelthurgau Fluss- und Kreuzfahrten AG hat ihren Hauptsitz in Weinfelden. Hier hat auch das Konkurrenzunternehmen ThurgauTravel der Familie Kaufmann seinen Sitz.

 

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