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Samstag, 05 Mai 2018 19:35

Das Geoschiff Seestern: lebendige Tektonik rund um den Walensee

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Mit MS Seestern hat der Schiffsbetrieb Walensee AG ein ideales Studien- und Vortragsschiff. Bei schönem Wetter geniesst der Fahrgast auf dem Oberdeck einen ungehinderten 360°-Ausblick, bei schlechtem Wetter findet die Veranstaltung im ebenso grosszügigen Salon darunter statt. Bis zu einem halben Dutzend Mal im Jahr fährt das sogenannte Geoschiff aus, ein Mal davon auch öffentlich. Sonst sind die Kunden Firmen oder private Gruppen, die den Referenten Kaspar Papritz engagieren für einen vierstündigen Ausflug in die Geologie am Beispiel Walensee.

Kaspar Papritz, ein gebürtiger Berner, arbeitet im „normalen Leben“ als Geschäftsführer der Firma Dr. Bernasconi AG in Sargans, einem Spezialistenunternehmen für Geologie und Hydrogeologie. Papritz: „In den letzten Jahren waren wir stark beschäftigt mit den Themen Grundwasserschutz sowie Altlasten und deren Sanierung. Heute beschäftigen wir uns vermehrt mit den Schwerpunkten Renaturierung, Hochwasserschutz und Naturgefahren.“ Über 40 Personen nahmen bei herrlichsten Bedingungen ab Walenstadt und Unterterzen auf der „Seestern“ Platz und lauschten den Ausführungen des Geologen. Der Schiffsmast wurde zu einer Infotafelhalterung umfunktioniert. Geschichte und Geologie haben eines gemeinsam: ohne Jahrzahlen geht gar nichts. Nur kann ich sie mir trotz mathematischer Affinität schlecht merken. Drei Jahreszahlen sind mir auf dieser spannenden Fahrt geblieben: 280 000 000 vor unserer Zeitrechnung, 18 000 vor Christi und 1780 nach Christi.

Die Sandsteine und Konglomerate im schroffen Murgtal haben das stolze Alter von 280 Millionen Jahren. Alvier und Churfirsten mit den senkrechten Kalk- und Schieferwänden sind hingegen "nur" etwa halb so alt. Das liegt ausserhalb meiner Vorstellungskraft, das Gebirge muss muss aber relativ jung sein, da unsere Erde 4 600 Millionen Jahre alt ist. Besser liegt mir die zweite Zahl, sie ist bloss 10 Mal so viel wie die Zeit von Null bis heute. Kaspar Papritz : „Der Walensee entstand vor 20 000 Jahren. Dazumal schmolzen nach der letzten Eiszeit die Gletscher innert weniger als Tausend Jahren weg und hinterliessen ausgehobelte Täler, die bis weit unter den Meeresspiegel reichten. Sie füllten sich mit Wasser. Das Gebiet des heutigen Zürich-, Walen- und Bodensees war dann eine einzige Wasserfläche, die auch bis Ilanz reichte. Erst durch die Erosion und dem zahlreichen Aufschüttungsmaterial der Bäche und Flüsse wurde dieser See mit der Zeit kleiner; die heutigen Seen sind bescheidene Überreste.“ Und wann ist der Walensee ganz aufgefüllt? Papritz: „Pro Jahr wird der Walensee zwischen 3 und 4 cm zugeschüttet. Das heisst, der See ist in weiteren 20 000 Jahren verschwunden; wir sind also etwa in der Halbzeit.“

Schiffsführer Roman Pfiffner und der zweite Steuermann Dietmar Wurzner haben ein genaues Drehbuch der Route und stoppen vor geologischen „Hotspots“ an, von denen es rund um den Walensee viele hat. Nach einer Stunde Fahrt legen wir in Betlis an. Auf dem halbstündigen Spaziergang zur Rinquelle gibt es am Fusse der Churfirsten weitere Erläuterungen. Etwas versteckt direkt bei den vom Schiff aus gut sichtbaren drei Seerenbachfällen überrascht uns ein bis anhin mir unbekanntes Naturschauspiel: unheimliche Mengen Wasser – heute dürften es über 10 000 Liter pro Sekunde sein – schiessen direkt aus dem Felsen der Churfirsten über einen 40 Meter hohen Wasserfall in den Seerenbach: die Rinquelle*. Das Wasser kommt vom Toggenburg; an den kalkhaltigen und karstförmigen Planggen der Churfirsten, die sanft nordwärts ins Toggenburg abfallen, versickert das Wasser und fliesst in einem grossen Höhlen- und Gangsysteme dem Walensee zu. Papritz: „Selbst Wasser vom Säntis konnte nachgewiesen werden.“ Der monumentale Austritt der Rinquelle aus der Felswand ist lediglich der Überlauf einer unterirdischen „Badewanne“, die bei Schneeschmelze und starkem Regen „überschwappt“. Der „normale“ Auslauf befindet sich sonst unterhalb des Seespiegels. Im Herbst nach einem trockenen Sommer kommt daher kein einziger Tropfen aus der Rinquelle heraus.

Und die dritte Zahl, 1780? Kaspar Papritz: „Der Faktor Mensch hat bei der Industrialisierung stark in die Geologie eingegriffen. Es entstanden in dieser Gegend, insbesondere im Glarnerland, um diese Zeit zahlreiche Webereien und Textilfabriken, die Energie brauchten. Man holzte dazu fast sämtliche Wälder ab**. Die Folgen waren massiv: Bei jedem Regen kamen Tonnen von Erde in den Talkessel geschwemmt. Innert weniger Jahren wurde die Linthebene mit Ablagerungsschutt überdeckt. Es kam zu Überschwemmungen, der natürliche Ausfluss des Walensees, die Maag, wurde zurück gestaut und dadurch stieg der Seespiegel des Walensees um sieben Meter. Leben und Lebensgrundlagen der Bevölkerung waren massiv bedroht.“ Anfangs des 19. Jahrhunderts griffen dann die Massnahmen: die Linth wurde mit dem neuen Escherkanal ostwärts in den Walensee umgeleitet und der Ausfluss des Walensees, der früheren Maag, mit dem neu erbauten Linthkanal in den Zürichsee begradigt.

Nach der Wanderung geniessen wir die eigens kreierten Geosandwiches: horizontal geschichtet wie die Churfirsten an deren Südflanken bestehen sie aus sechs Brot- und drei Fleischschichten. Es empfiehlt sich, diese schichtweise abzutragen. Das Geoschiff hatte heute nautisch zwei interessante Rahmengeschichten: am Morgen präsentierte sich MS Churfirsten in Unterterzen vor dem gleichnamigen Gebirge und am Abend entdeckte ich auf dem Werftareal des Schiffsbetriebes Walensee die Reste des Schiffes Linth. Dieses wurde verschrottet***. So treten auch in der Schifffahrt Erosionserscheinungen auf...

Bilder: MS Seestern macht Zwischenhalt in Betlis, dem Ausgangspunkt einer halbstündigen Wanderung zur Rinquelle. Bei Schneeschmelze oder starkem Regen lohnt sich ein Besuch zu diesem Naturschauspiel, das maximal bis zu 30 Tonnen Wasser in einer Sekunde aus dem Felsen lässt (Bild im Textteil oben). Kaspar Papritz erklärt die faszinierenden Schichten des Alvier auf dem fahrenden Seminarschiff Seestern. Steinbrüche, von denen es rund um den Walensee viele gab, lösen manches Rätsel, denn der Geologe muss sich hautsächlich mit versteckter Materie beschäftigen. Der Plan zeigt blau den Verlauf des Escher- (links) und des Linthkanals mit dem bisherigen Verlauf der Maag und der Lint (grau, Bild im Textteil unten). Dietmar Wurzner am Steuer und Roman Pfiffner sind nebst für die nautischen auch für die kulinarischen Belange zuständig. Die „Linth“ wird in diesen Tagen verschrottet, auch die Schale (Bild) ist nicht mehr zu retten. Bild 5: M. Bisegger, Bild im Textteil unten Link, Text und übrige Bilder H. Amstad

Bemerkungen: *) Die Rinquelle wurde zwischen 1953 und 1981 erforscht. Dabei gelang es dem Deutschen Jochen Hasenmayer, 930 m in die Quelle hineinzutauchen. Für mich eine ungeheuerliche Vorstellung: er musste dabei in der Dunkelheit und unter Wasser mit der Strömung fertig werden.

**) Die Umweltschäden nach dieser schweizweit erfolgten Abholzung war derart gross, dass die eidgenössische Tagsatzung 1876 ein revolutionäres Waldgesetzt beschloss, das sich der Nachhaltigkeit verschrieb. Dieses gilt mit leichten Modifikationen bis heute: Wer Wald roden will, braucht eine Bewilligung und muss die entwaldete Fläche anderswo kompensieren.

***) Steckbrief MB Linth: 1978 bis 2017, Bau Othmar Walser Quinten, Polyesterbauweise, L 10,70 m, B 2,50 m, 170 PS, 46 Personen.

 

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