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Freitag, 12 Oktober 2018 08:04

Ein unermüdlicher Forscher der Schifffahrt: Benedikt von Hebenstreit zum Neunzigsten

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Ein Blick auf mein Bücherregal zeigt mir, dass es auch in Deutschland bekannte Publizisten auf dem Gebiet der Binnenschifffahrt gibt. Mir fallen dabei die zahlreichen und fachlich hervorragenden Hefte von Heinz Trost (1934-2010) aus Wiedensahl auf oder die zu eigentlichen Nachschlagewerke gewordenen Bücher von Dieter Schubert aus Berlin (*1939, erst kürzlich am 8.12.2017 verstorben). Mit beiden durfte ich zahlreiche Fachgespräche führen und ich behalte sie als grosse Kenner der Schifffahrt in Erinnerung. Auch Benedikt von Hebenstreit aus München hat unermüdlich geforscht, recherchiert und publiziert. Er tut es heute noch, obwohl ihn sein Alter und die damit einhergehenden Gebresten zwingen, die Arbeit etwas geruhsamer anzugehen. Aber halt: Benedikt von Hebenstreit ist Österreicher, geboren in Ried aus dem Inn-Viertel, südlich von Passau.

Dass er nicht als Österreicher wahrgenommen wird hängt damit zusammen, dass man in seinen Publikationen stets die Adressen von München und Zürich vorfindet. Nach den Ausbildungen kam Benedikt von Hebenstreit bereits 1953 als Assistent an die Universität München, wo er dann ab 1968 beim TÜV Bayern als Verkehrspsychologe eine Stelle antrat. Später wurde er dort 1985 (bis 1992) Geschäftsführer der TÜV-Akademie. Ab 1972 war er ausserdem am IAP (Institut für Angewandte Psychologie) Zürich in Forschung und Lehre als Freelancer tätig. „So pendelte ich beruflich zwischen Zürich und München, was für mich spannend und gegenseitig befruchtend war.“ Zusammengefasst: in Zürich geforscht und gelehrt, in München angewendet und in die Praxis umgesetzt.

Nach seinem beruflichen Highlight, auf das er besonders stolz sei, gefragt, überlegt er lange und meint: „Alles ist gleichwertig“. Gleich darauf präzisiert er: „Die schulische Verkehrssinnbildung in Bayern konnte ich prägen und nachhaltig entwickeln, wo sie heute steht. Bayern ist in Deutschland das einzige Bundesland, wo gescheite Verkehrserziehung gemacht wird. Auch in der Schweiz hatte ich mit der Perfektionierung der Verkehrssinnbildung schöne Erfolge, die sich heute überall durchgesetzt hat.“ Zahlreiche Veröffentlichungen zu Fragen der Verkehrserziehung und Arbeitssicherheit, von Unterrichtshilfen für die KITA-Stufe bis zu Standard-Werken zur Ausbildung von Fahrlehrern, sind aus seiner „Feder“ entstanden. „Alles, was ich gemacht habe, hat Spass gemacht. Ich bin in all den Jahrzehnten weiter gekommen, das war schön,“ stellt er mit einem Lachen im Gesicht fest.

„Am Anfang meines Lebens herrschte Elend im Land; ich war in der 7. Klasse, als sie uns in den Krieg schickten. Nach der Kapitulation 1945 durfte ich in Salzburg die 8. Kasse besuchen. Dann wollte ich Ingenieur werden. Wir wohnten aber im amerikanischen Besatzungsgebiet, in Linz gab es an der Universität nur die Fächer Philosophie und Pädagogik.“ Nach zwei Studien mit zwei Promotionen in Philosophie (Nebenfach Pädagogik) sowie Psychologie (Nebenfach Psychiatrie und Neurologie) landete er später doch noch bei der Technik. Dank seiner Kombination von Geistes- und Technikwissenschaften, die er sich aus Interesse selbst angeeignet hatte, war er ab 1955, im Zeitalter des boomenden Motorfahrzeugverkehrs, ein gefragter Mann. Und seine Herzensangelegenheit Schifffahrt, wie kam das dazu?

„Meine Eltern und Grosseltern konnten 1927 in Attersee, 150 Meter von der Schiffstation entfernt, ein Haus bauen. Seit ich mich erinnern kann machten wir dort Urlaub.“ Als die Russen 1945 in Linz einmarschierten, wurden diese Aufenthalte länger, Benedikt war damals gerade mal 17 Jahre alt. „Hinter dem Haus war der Bahnhof, dort konnte ich bei der Bahn von Stern & Haffrl als Rangierer aushelfen, in den Sommermonaten als Matrose auf den Schiffen.“ Um vier Uhr morgens fuhr das erste Boot los und sammelte rund um den See die Arbeiter ein, um sie zur grossen Zellwollfabrik in Lenzing und zu anderen kleinen Betrieben in der Bezirkshauptstadt Vöcklabruch zu bringen. „Der Oberbahnrat von Stern & Hafferl war ein guter Freund meines Vaters – dies hat mir Tür und Tor geöffnet auch zu andern Schifffahrtsgesellschaften.“ Die Faszination Schiff liess von Hebenstreit nicht mehr los – im Gegenteil. „Ich kenne jeden Schiffsbetreiber in Österreich. Für die Recherche ging ich Sommer für Sommer bei jedem Betrieb mindestens ein Mal vorbei.“ Seit 90 Jahren verbrachte er ununterbrochen seinen Urlaub am Attersee. „Kann sein, dass es heuer das letzte Mal war“, meint er wehmütig aber auch dankbar in Anbetracht seiner eingeschränkten Mobilität.

Dank dieser Aufenthalte am Attersee war es ihm möglich, die Geschichte sämtlicher Schiffsbetriebe von Österreich zu recherchieren und auf 620 Seiten in Bild, Text und Tabellen (mit den technischen Angaben aller Schiffe) festzuhalten, zu dokumentieren und zu veröffentlichen: „681 Schiffe sind beschrieben, davon 496 in Bildern festgehalten.“ Später kam die gleiche, akribische Arbeit den Gewässern Bayerns zugute. „Die Schifffahrt Bayerns war dem TÜV in München unterstellt.“ Damit wird klar, wie auch diese „Monsterrecherche“ zu Stande kam. „Hier sind in gleicher Weise 439 Schiffe auf 20 bayerischen Seen und Flüssen beschrieben, davon 311 mit Bild.“ Die andere Leidenschaft, jene für die Eisenbahn, pflegte von Hebenstreit stundenlang bei seiner Eisenbahnanlage, Spur HO, auszuleben. Über 1 000 Fahrzeuge zählt er sein Eigen. „Von den Lokomotiven der OeBB habe ich seit Beginn bis 2006 sämtliche in meiner Sammlung.

Nebst Familie, Arbeit, Modelleisenbahn und Schiff ist wohl keine Zeit mehr für weitere Hobbies vorhanden gewesen, frage ich von Hebenstreit. „Doch, doch: Sport war mir immer sehr wichtig. Mit zwei stand ich auf den Skiern, mit sechs fuhr ich die erste Segelregatta. Auch Tennis hat mir viel Spass gemacht und Turnier-Tanz. Hier brachten wir es auf den 10. Platz in der Deutschen Meisterschaft.“ Noch heute ist ihm Bewegung wichtig: jeden Tag 30 Minuten auf dem Hometrainer Radfahren gehört zu seinem Ritual wie der Gang mit dem Rollator zum Einkaufen im Quartierladen. Heute am 12. Oktober feiert er seinen 90. Geburtstag, wozu ich ihm herzlich gratuliere. Zusammen mit seiner ehemaligen Frau Ingrid in Zürich, seiner Tochter Barbara in Berlin und dem Sohn Andreas Benedikt in München wünschen wir noch viele unbeschwerte Stunden.

Bilder: Bildmaterial aus seinem Leben ­– auf seiner Visitenkarte steht Prof. Dr. Dr. Benedikt von Hebenstreit – gibt es sehr wenig; selbst Nachfragen bei Ingrid von Hebenstreit-Wichert führen nicht zum Erfolg. „Ein Familienalbum existiert nicht“, entschuldigt sich der Jubilar. Im Hintergrund des Portraits erkennt man die Strassenbahnen von Wien im Modell. Ein solches Bild mit Attersee-Landschaft und einem Elektroboot prägt die Erinnerung von Hebenstreit von Kindsbeinen an. „MS Burgau vom Attersee  war eines der beiden Elektroboote, auf denen ich seinerzeit als Matrose um 4 Uhr früh tätig war.“ Auf MS Helene vom Mondsee war Benedikt von Hebenstreit bis zur Ausserdienstellung des Schiffes immer wieder mitgefahren und hat den reizvollen See genossen.

„Auf der letzten Fahrt von MS Innsbruck (Achensee) 1994 vor der Ausserdienststellung bin ich mitgefahren. Wir alle hofften, dass die Tiroler Landesregierung das Schiff als wertvolles Kulturgut retten würde, aber dann liess man es verfallen.“ Mit dem DS Elisabeth auf dem Traunsee war von Hebenstreit ebenfalls unterwegs, so auch mit dem Schraubendampfer Thalia auf dem Wörthersee. Bild im Text: Pressekonferenz der Aktion "Sicher zur Schule – sicher nach Hause“ im Polizeipräsidium München im September 2016. Text, Bild 1 und Sammlung übrige Bilder H. Amstad

 

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