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Montag, 15 Oktober 2018 19:16

Erlebnis auf dem Genfersee im Oktober: vier Radschiffe an einem Tag

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Das lässt jedes Herz eines Dampfschiff-Fans höher schlagen! Weltweit einzigartig fahren auf dem Genfersee auch im Oktober während 14 Tagen täglich drei Dampfschiffe und ein dieselelektrisches Radschiff. Auch im 2019 wird dies wieder möglich sein, wie mir die CGN mitteilt. Drei Radschiffe sind jeweils im Kursverkehr eingeteilt. Ein weiteres kommt noch dazu, wenn eines der grossen Motorschiffe, die für den werktäglichen Grenzgängerverkehr eingesetzt sind, in der jährlichen Revision steht. Nahezu 2 000 Grenzgänger benützen am Morgen früh allein von Evian aus den Seeweg nach Lausanne, um in der Schweiz der Arbeit nachzugehen. Dazu steht in diesem Jahr die „Simplon“ im Einsatz. Mit der vierten Querfahrt beginnt so mein „Vierdampfertag“.

Von der Deutschschweiz aus gut erreichbar* besteige ich am Steg 1 den Kurs, der Lausanne um 9.25 Uhr nach Evian verlässt. Da herrscht in Ouchy am heutigen Morgen, den 10.10.2018, reges Treiben: MS Lausanne fährt zum Landungssteg 5, um gleichzeitig mit unserer Ausfahrt eine Extrafahrt zu starten. MS Ville de Genève erreicht Lausanne mit Grenzgängern aus Thonon am Steg 2. Das Schnellboot Genève (es gibt auf dem Léman zwei Schiffe mit dem Namen der Kalvinstadt) startet 10 Minuten vorher vom Steg 4 nach Thonon, nachdem dieses Schiff die „Simplon“ supplementiert hat. MS Henri Dunant steht an Steg 3 nach einem morgendlichen Grosseinsatz bereit, die „Simplon“ anschliessend abzulösen. In Lausanne fühlt man sich in jeder Jahreszeit am Morgen und Abend „en miniature“ wie in Genua oder Hamburg. Heute vermischen sich Nebelschwaden mit durchdringender Morgensonne, für mich somit auch meteorologisch ein schönes Morgenerlebnis.

Für den Pendlerverkehr sind wegen dem immensen Passagieraufkommen nur die grössten CGN-Schiffe geeignet. Dabei wird MS Lausanne (1 200 Personen Fassungsvermögen) nicht eingesetzt, da es bei starker Bise mit seiner grossen Seitenfläche für die enge Hafeneinfahrt in Evian ungeeignet ist. Das ebenfalls in Frage kommende Schiff La Suisse ist im Herbst noch im Kurs eingesetzt und das dritte 70-Meterschiff der CGN, die „Helvétie“ wartet auf eine Totalrenovation, die für die Jahre 2026 bis 2030 vorgesehen ist**. Neue Schiffe für den Grenzverkehr sind auf das Jahr 2021 geplant.

Nach der Rückkehr der „Simplon“ in Lausanne bleibt schön Zeit, einen Spaziergang in die Werft zu unternehmen, wo nebst der erwähnten „Helvétie“ auch die „Rhône“ an der „Revisionsmole“ abgestellt liegt. Das Interesse der Schiffs- und Dampferfreunde ist in diesen Tagen besonders auf das jüngste in der Schweiz gebaute Dampfschiff gerichtet. Demnächst soll nämlich das Kantonsparlament des Kantons Waadt für die „Rhône“ einen Kredit von 7,6 Millionen Franken sprechen, nachdem bereits der Kanton Genf rund 4,2 Millionen bewilligt hat. Der dritte Hauptaktionär, der Kanton Wallis, nimmt zwei Tranchen von je CHF 500 000 in das Kantonsbudget 2019 und 2020 auf. „Die ABVL wird weitere 3 Millionen beisteuern müssen,“ erklärt ABVL-Präsident Maurice Decoppet (Association des amis des bateaux à vapeur du Léman). Insgesamt beträgt der Aufwand 15,8 Millionen***, wobei allein die Mehrwertsteuer 1,1 Millionen verschlingt... Wird das Waadtländer Parlament den Kredit sprechen, können mit den Arbeiten im April 2019 begonnen werden. Die Wiederinbetriebnahme ist auf Ende März 2021 geplant.

Um 11.40 Uhr besteige ich das für heute bereits zweite „Grossraum“-Dampfschiff der CGN, die 2009 vollständig renovierte „La Suisse“. Der Ruf, dass die „La Suisse“ als schönstes Dampfschiff bezeichnet wird, kommt aus dem Jahr 1908, wo die CGN den Auftrag an die Firma der Gebrüder Sulzer in Winterthur erteilte, „den grössten und schönsten Dampfer in Europa zu bauen“. In der Tat: nicht nur das äussere Erscheinungsbild mag zu überzeugen. Es ist auch ein wahres Vergnügen, den Salon sowohl der 2. wie der 1. Klasse zu betreten. Grosszügigkeit und eine durch und durch stimmige Raumarchitektur bezüglich Proportionen, Farbgebung und Möblierung zeichnen den bald 120-jährigen 1.-Klasssalon aus. Auf der Rückfahrt des Kurspaares 920-921 steige ich nach zwei Stunden Fahrt in Vevey La Tour aus, wo ein schlanker Anschluss besteht auf das Radmotorschiff Italie.

Auf diesem dritten Schiff von heute erfahre ich, dass dieses direkt nach Saisonschluss bis Weihnachten nach zwei Jahren Einsatz in die Werfthalle kommt, um grössere Arbeiten auszuführen. Einzig am 25. und 30. Dezember 2018 sind beide Radmotorschiffe im öffentlichen Einsatz. Denn gleich anschliessend kommt die „Vevey“ in die Halle für einen überraschenden Eingriff, nämlich für einen Ersatz der Elektromotoren. Maurice Decoppet: „Die Luftkühlung der bisherigen Aggregate mit den starken Ventilatoren ist bekanntlich laut, was viele Passagiere stört und zu Reklamationen führt. Ausserdem sind die Elektromotoren der ‚Vevey’ mit 500 kW schwächer als diejenigen der ‚Italie’ mit 540 kW.“ Nun wurde beschlossen, bei der “Vevey” die luftgekühlten durch wassergekühlte und stärkere Elektromotoren zu ersetzen. Decoppet: „Führt dies zu einem Erfolg, so könnte später auch die ‚Italie’ auf wassergekühlte Motoren umgerüstet werden.“

Deshalb steht für den Winterfahrplan 2018/19 (mit Ausnahme der zwei erwähnten Tage) leider kein Radschiff ab Lausanne zur Verfügung. Das zweite dieselelektrische Radschiff wird – abwechslungsweise zuerst die „Vevey“, dann die „Italie“ – ab Genf eingesetzt. Warum nicht ab Lausanne? Für Maurice Decoppet gibt es dazu Gründe: „MS Henry-Dunant muss in Lausanne zusätzlich zum MS Général-Guisan für Grenzgängerkurse einsetzbar sein, sollten unerwartet und kurzfristig MS Léman oder MS Ville-de-Genève ausfallen. Man will im Winter keine zusätzlichen Radschiffe einsetzen, dies im Gegensatz im Herbst oder Frühling.“

In Vevey bringt mich nun die SBB nach Nyon, wo der vierte „Dampfer“ des Tages von Genf her an der Station anlegt. DS Savoie verlässt Nyon um Viertel nach vier und fährt via Yvoire in zwei Stunden nach Genf zurück. Im Gegensatz zum vorzüglichen Service auf den beiden vorangehenden Schiffen gibt es hier auf der „Savoie“ gar nichts zu essen. Kellner sind zwar durchaus vorhanden, aber weder ein Käseplättchen noch ein Sandwich ist sich der Sternegastronom Philippe Chevrier (2001 Koch des Jahres nach Gault Millau) würdig, auf die Speisekarte des Dampfers zu nehmen; wahrlich eine schlechte Reklame für ihn wie für die CGN. Gute Stimmung hingegen verbreitet sich beim Gedanken, im kommenden Oktober 2019 solche oder ähnliche Erlebnisse wie heute zu wiederholen. Dann, wenn wieder ein „Grossraum“-Dampfschiff zusätzlich zum normalen Herbstangebot dazu stösst.

Bilder: DS Simplon in Evian und im Herbstlicht. Auch um den Maschinenraum herum nehmen viele der bis zu 500 Grenzgänger auf der Fahrt zum Arbeitsort Schweiz Platz. MS Lausanne im Wechselspiel der Morgensonne und Dampfschwaden der „Simplon“. An DS Rhône wird im kommenden Jahr gearbeitet: der Start der Totalsanierung ist für den April 2019 vorgesehen. Die elegante „La Suisse“ verlässt Vevey, wo bald darauf die „Italie“ erwartet wird. DS Savoie kommt in Nyon an. Text und Bilder H. Amstad

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Bemerkungen: *) Eine genussreiche Variante bietet ein Zweitagesaufenthalt mit Übernachtung in Evian, zum Breispiel in einem Seezimmer des Hotels Alize (ca. EUR 100 das EZ). Mit freier Sicht auf den CGN-Hafen kann man so morgens um 7 Uhr beobachten, wie sich das Dampfschiff innert 10 Minuten mit 500 Leuten füllt…

**) Maurice Decoppet, Verwaltungsratspräsident der CGN-Filiale Belle Epoque, zur SA: „Der Zeitpunkt der Totalrenovation ist noch offen. Ideal wäre, wenn wir 2026 zum ‘Hundersten’ starten könnten. Vorher wollen wir aber noch DS Rhône noch DS Simplon einer letzten und wichtigsten Teilrenovation unterziehen.“

***) Zum Vergleich: Die Renovation des fast gleich alten Dampfschiffes, jene der „Stadt Luzern“ auf dem Vierwaldstättersee, kostet rund CHF 12,5 Millionen und findet in Luzern in der gleichen Zeit statt. Die Inbetriebnahme ist für den April 2021 geplant.

 

1 Kommentar

  • Kommentar-Link Kurt Bolt Freitag, 02 November 2018 09:16 gepostet von Kurt Bolt

    Das sind so die besonderen Highlights am Genfersee, aber ist es nicht überhaupt grossartig, was da zurzeit für eine überaus positive Entwicklung hinsichtlich der historischen Flotte stattfindet?

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