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Samstag, 17 November 2018 18:26

Klimaveränderung hat Auswirkung auf Schifffahrt: des einen Freud, des andern Leid

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Der schöne Sommer 2018 dauerte von anfangs April bis Ende September, ein halbes Jahr mit überdurchschnittlichen Temperaturen und sehr wenigen Regentagen. Er bescherte den meisten Schiffsbetrieben Traumfrequenzen. Auf dem Vierwaldstättersee und beim Touristikverkehr des Genfersees erwartet man rund 10 % mehr Fahrgäste1. Die seit Jahren von den Klimaforschern voraus gesagte Erwärmung der Erdatomsphäre, verursacht durch den Treibhauseffekt zunehmender CO2-Gase, hat Auswirkungen auch auf unser Leben. Als erstes fühlt sich dies gut an: wer mag hierzulande nicht schöne und trockene Sommer, gute Obsternten und feinen Wein?

Es gibt aber auch Verlierer. In Europa beklagen zum Beispiel die Finnen zunehmend feuchte und kalte Sommer. Unsere Gletscher schmelzen dahin2. Am Süd- und Nordpol schwindet das Eis und es lässt den Meeresspiegel bedrohlich ansteigen. Und all jene Schiffe, die auf unseren Flüssen unterwegs sind, haben Ende 2018 und tendenziell auch künftig nichts zu lachen. Die Situation in Dresden bei der ausgetrockneten Elbe ist dramatisch. Seit dem 4. Juli liegt der Pegel so tief, dass die Schifffahrt drastisch reduziert werden musste (vergl. Tabelle). Wochenweise konnten nur noch die Eindeckraddampfer Diesbar und Krippen mit ihrem extrem geringen Tiefgang von 1,1 m (beladen3) noch die Stadtrundfahrten durchführen. Der Frequenzrückgang beträgt 61 %. Für 130 Mitarbeitende des Gastrobetriebes „Elbezeit“ war Kurzarbeit angesagt. Die Umsatzeinbussen von 2,2 Millionen Euro werden 2019 nicht ohne Folgen sein. Preiserhöhungen und Angebotskürzungen stehen bevor.

Bei uns trifft es in solchen Fällen jeweils die URh mit ihrer Schifffahrt auf dem Rhein zwischen Diessenhofen und Stein am Rhein. Seit dem 23. Juli führt der grösste Schweizer Fluss so wenig Wasser, dass bereits dann für die durchgehende Verbindung Schaffhausen nach Konstanz Schluss war. Die Verantwortlichen rechnen mit einer Frequenzeinbusse von 8 %. In früheren Jahren, wo die Strecke auch wegen Hochwasser immer wieder unterbrochen war, organisierte die URh jeweils einen Bus-Schiffersatz. Warum nicht in diesem Jahr? Remo Rey, Geschäftsführer der URH dazu: „Die Passagierrückmeldungen zum Angebot des Schiffsersatz-Buses waren eher negativ: ‘ich will doch nicht die Hälfte der schönsten Stromfahrt Europas im Bus verbringen’ hörten wir oft klagen. Zudem hatten wir damit eine grosse finanzielle Belastung, welche nicht über zusätzliche Passagiere kompensiert werden konnte. Wir haben aus der Sanierung heraus die Auflage, solche Mehrbelastungen zu vermeiden. Vielmehr wurde das neue Angebot der Rundfahrten ab Schaffhausen bis Diessenhofen (und zurück) gelobt und genutzt.“

Seit April liegen die Niederschlagsmengen ununterbrochen deutlich unter dem langjährigen Mittel. Dafür gehören die Temperaturen und die Sonnescheindauer zu den höchsten seit Messbeginn. Nach einer so langen Trockenperiode bekommen auch andere Schifffahrtsbetriebe dies zu spüren. So musste die BLS ihr Angebot auf dem Brienzersee einschränken. Die BLS schreibt: „Aufgrund der geringen Zuflüsse aus dem Einzugsgebiet (Lütschine, Hasliaare) wird der Brienzersee den notwendigen Pegelstand von 563.60 m ü. M. bis auf weiteres nicht erreichen. Für die Aarefahrten zwischen Interlaken Ost und der Seemündung ist der Pegelstand für die eingesetzten Kursschiffe MS Brienz und MS Jungfrau nicht mehr ausreichend.“ Anders als bei der URh hat die BLS für die Reisenden ein Busersatzbetrieb zwischen Interlaken Ost und Bönigen (und umgekehrt) eingerichtet.

Seit dem 19. Oktober fahren auch auf dem Rhein keine Containerschiffe mehr. „So was habe er noch nie erlebt,“ sagte Heinz Amacker, Leiter der Danser Schweiz gegenüber Radio SRF. Die acht Schiffe dieser Transportfirma stehen nun im Hafen, die Güter müssen auf die Schiene oder die Strasse verlegt werden. Dies verteuert den Transportweg besonders für Güter, die für den Schiffstransport geeignet sind. 10 Prozent der Importgüter erreicht die Schweiz über den Rhein. Remo Rey kann dies bestätigen: „Was uns und die anderen Schifffahrtsgesellschaften sehr trifft, sind die erhöhten Dieselölpreise, weil die Transportkapazitäten reduziert werden mussten und die Transportkosten auf dem Rhein dermassen angestiegen sind.“ Mit 181 Franken pro Tonne Transportkosten lag dieser Wert am 24. Oktober zehnmal Mal so hoch im anfangs 2018.

Die Basler Personenschifffahrt BPG konnte seit Längerem Rheinfelden nicht mehr anfahren. Auch bei der KD sind ab dem 15. Oktober 2018 keine Fahrten mehr zwischen Köln und Mainz möglich: der Rhein wird zusehends zu einem Rinnsal4. Die Flusskreuzfahrer sind noch zwischen Amsterdam und Köln unterwegs, dann ist rheinaufwärts Schluss. Auch auf anderen Gewässern sind zunehmend Einschränkungen feststellbar. So fällt der beliebte Adventsmarkt auf dem Attersee heuer aus. Die Attersee-Schifffahrt schreibt anfangs November: „Der Pegelstand hat sich in den letzten Wochen nicht erholt, sondern hat gar den Wert von 1994 mit 91 cm unterschritten.“

Auf dem Lac des Brenets liegt der Wassersand seit 1906 nicht mehr so tief, man darf den Superlativ vom Jahrhundert-Tiefwasserstand also gebrauchen. Seit September fiel hier sein Wasserstand jeden Tag um 16 Zentimeter. Der Grund dafür ist ein Leck im See. Weil der Doubs kein Wasser mehr bringt, entleert sich der Lac des Brenets wie eine Badwanne, bei der man den Stöpsel gezogen hat. Ab Mitte September mussten die drei Schiffsbetriebe ihre Fahrten ganz einstellen. Senior-Chef Jean-Claude Durig von der schweizerischen NLB: „Wir fahren seit mehr 16. September 2018 nicht mehr; unsere drei Schiffe liegen auf Grund.“ Selbst die Messung des niedrigen Pegels wurde an der Messstation bei Les Brenets unmöglich, da die Messinstallation nicht auf ein so tiefes Niveau eingestellt ist…

Bilder: Eindrückliche Aufnahmen von der Elbe in Dresden und vom Lac des Brenets. Nur noch wenige Zentimeter hat die „Krippen“ auf der Elbe mit ihrem rund metrigen Tiefgang noch bis zum sandigen Untergrund: die Sächsische Dampfschifffahrt macht das Beste daraus und lässt die beiden Eindeck-Radschiffe Krippen und Diesbar so lange es noch geht fahren (18. September von der Waldschlösschenbrücke aus). DS Leipzig (hier in Blasewitz) konnte am 18. Oktober leicht beladen einige Runden ausführen. Schöne Herbstfarben mit ununterbrochenen schönem Wetter: die „Diesbar“ vor dem Schloss Albrechtsberg (17.10.18). Bild im Textteil: Sonst eine grosse Seltenheit, in diesem Herbst täglich zu geniessen: die Kreuzung der beiden sagenhaften, 126- und 134-jährigen „Damen“.

Ein seltener Anblick: die Topografie des Ausfluss eines Sees. Dort, wo die Senke sichtbar ist, fliesst normalerweise 19 m3 Wasser pro Sekunde aus dem See. Das Schiff L’Echo von der NLB sucht wie ein Fisch im ausgetrockneten Tümpel nach Wasser; der Kapitän muss fit sein, das ordentliche Ufer zu erreichen. Auf dem Bild ersichtlich auch die Messstation des Bundesamtes für Umwelt, die ebenfalls im Trockenen liegt. Für MS Emeraude der französischen Gesellschaft Bateau du Saut du Doubs5 heisst es „Ende Saison“. Die rote Kurve sackt ab, die Niedrigwasser-Verlaufsgrafik zwischen 1964 und 2017 des BAFU kann seit dem 20. September keine Werte mehr anzeigen. Bilder 1 bis 3 und Textteil R. Horlacher, Bild 5 Quelle, Bild 6 Quelle, Text und übrige Bilder H. Amstad

Bemerkungen: 1) Diese Zahlen sind differenziert zu betrachten. Weil sich der Berufsverkehr auf dem Genfersee 2018 zum ersten Mal etwas abgeschwächt hat und diese Frequenzen 2/3 der jährlichen Passagierzahlen ausmachen, resultiert insgesamt ein Plus von ca. 2.5 %. Auch der Zuwachs der SGV ist nicht bloss auf das Traumwetter zurück zu führen: Erstmals schlägt die stündliche Direktverbindung des Bürgenstock-Shuttles für das ganze Jahr zu Buche. Zählt man diese Passagierzahlen ab, so ist der wetterbedingte Zuwachs im einstelligen Prozentbereich.

2) Alexander Imholz, Leiter Amt für Umweltschutz Uri in der Luzerner Zeitung: „Bis Ende dieses Jahrhunderts werden die Gletscher bei uns bis auf wenige Reste verschwunden sein“.

3) DS Diesbar Tiefgang leer: 69 cm, DS Krippen leer: 85 cm

4) Die Tiefststände am Rhein vom Montag 22.10.2018 5 Uhr betrugen: Worms 0,04 m (Rekord 0,02 m am 21.10.18), Koblenz 0,20 m (alter Rekord von 0.27 m aus 2003), Andernach 0,26 m (alt 0,36), Oberwinter 0,09 m (alt 0,27), Bonn 0,82 m (alt 0,90), Köln 0,70 m (alt 0,81), Emmerich 0,11 m (alt 0,28). Der Pegelstand sagt allerdings nichts über die effektive Wassertiefe aus. Die ausbaggerten Fahrrinnen sind nämlich tiefer. In Emmerich lag am 22.10. die aktuelle Fahrrinnentiefe noch bei 2,20 m, bei Köln bei 1,77 m.

Könnte man bei einem der Pegel von 77 cm (resp. bei 1,77 m) durch den Fluss laufen? „Durchzulaufen, wäre lebensgefährlich“, warnt Gerald Fuchs von den Stadtentwässerungsbetrieben der Stadt Köln (StEB). „Denn die Fliessgeschwindigkeit des Flusses verringert sich mit sinkenden Pegeln nicht.“

5) Am 453 Kilometer langen Doubs bildet der Saut du Doubs unterhalb des Lac des Brenets mit 27 m Fallhöhe nach dem Rheinfall den zweitmächtigsten Wasserfall der Schweiz.

 

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