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Mittwoch, 13 März 2019 15:26

Kunst am Bodensee per Schiff: auch im 2019 wieder im Angebot der SBS

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Winterstürme und Regenwetter machen’s möglich, aufzuräumen. Da kommt mir ein Mäppchen in die Hände mit dem Titel «Kunstfahrten Bodensee». Datiert mit dem 24. August 2018 präsentiert mir das Foto-Programm passende Bilder dazu. Eine Nachfrage am Bodensee bestätigt: «Wir werden 2019 auch wieder Kunstfahrten durchführen.» Somit macht es Sinn, über meinen Besuch im letzten Sommer zu berichten, auch wenn die Programm-Abfolge für 2019 geändert wird. Hanna Falk, verantwortliche Programmleiterin: „Da es oft Zeit braucht, bis ein Projekt anläuft, haben wir entschieden, es über mehrere Jahre zu testen. 2017 war schon ein besser als 2016 und 2018 lief es nicht schlecht. Die Leute, die davon Kenntnis haben und auch schon teilgenommen haben, sind allesamt begeistert.“ Ich auch.

Offiziell beginnt das von der SBS ausgeschriebene und vom Forum Würth organisierte Tagesprogramm um 11.00 Uhr in Rorschach*. Das ermöglicht mir dem Motto «Kunstfahrten» entsprechend standesgemäss per Schiff anzureisen. Als ob’s sein müsste steht hierfür die renovierte «Säntis» am Steg in Romanshorn bereit. Der komplett neue Innenausbau** hat durchaus kunstvolle Architektur-Elemente, die in erster Linie auf Extrafahrten zur Geltung kommen. Auf Kursfahrten wie heute ist das Schiff eher ungeeignet, da die Gesamt-Plätze zum Wohl der einzelnen Gäste (auf Sonderfahrten) reduziert wurden. Da heute Regenwetter angesagt ist bleiben die Massen aus und die Fahrt nach Rorschach am Morgen früh ist ein Genuss. Die «Säntis» kommt dann in den Kursverkehr, wenn ein anderes Schiff eine Sonderfahrt hat.

Nach einem kurzen Spaziergang dem See und einem internationalen Beachvolley-Turnier entlang erreiche ich das Würth-Haus in Rorschach. Im grossen Glasgebäude der international tätigen Würth-Gruppe macht das Forum Würth hochkarätige, zeitgenössische Kunst für die Öffentlichkeit zugänglich und erlebbar. Auf der Führung des Schiffs-Angebotes „Kunstfahrten“ bekommt auch der Laie und mit Kunst weniger Interessierte zu spannenden Informationen. Damit ergänzt das touristische Angebot „Kunstfahrten“ die kulturelle Vielfalt der Dreiländerregion am Bodensee aufs Feinste. Ich habe das Angebot bereits einige Jahre in der SBS-Werbung gesehen; manchmal brauche ich aber eine Weile, bis dann alles passt, ein solches Angebot zu besuchen. 2016 waren die Kunstfahrten ausschliesslich von Lindau aus gestartet worden, ohne Erfolg. Rorschach ist dann 2017 dazu genommen und im 2019 wird es nur noch ab Rorschach stattfinden. Die Mediensprecherin Hanna Falk vom Forum Würth: „Die Werbung auf der anderen Seeseite ist leider sehr mühsam. Seit wir den Beginn in Rorschach hinzugefügt haben, ist die Resonanz viel besser.“

Im Forum Würth sind im Sommer 18 drei Ausstellungen zu sehen. Katharina Haack führt unsere Gruppe durch die zwei Ausstellungen „Bi öös deheem“ (Gemaltes Appenzeller und Toggenburger Landleben) und „Menagerie“, eine ikonische Tierschau aus der Sammlung Würth. Sie hat für die Führung eine Stunde zur Verfügung und wählt charmant ein paar Werke aus. „Hier steht die Kunst in harter Konkurrenz zur Natur“, meint sie einleitend und die Blicke schweifen hinaus zum faszinierenden Bodensee und hinein in eine spannende Architektur des Gebäudes.

Das Mittagessen nimmt man im edlen, firmeneigenen Restaurant „Weitblick“ ein und begibt sich nachher zum Hafen Rotschach ins Kornhaus. Pascal Fuhrimann führt als Museumsleiter MIK (Museum im Kornhaus) unsere Gruppe durch thematisch ganz unterschiedliche Bereiche. Fuhrimann: „MIK vermittelt Wissen und neue Sichtweisen, ist ein Museum zum Anfassen und Mitmachen, bietet Unterhaltung sowie Anregung und ist ein Ort, der gerne wiederholt besucht wird.“ Hier sehen wir etwas über Pfahlbauten am Bodensee und über die österreichische Kaiserin Zita (sie logierte auf Schloss Wartegg), dort Abteilungen über Mathe-Magie und Optik-Illusionen, die ans Technorama erinnern. Der Raum „Verkehrstechnik“ offenbart im dritten Stock als Fundstück eine Modell-Eisenbahn-Anlage der Spur I von Werner Stübi, Präsident vom Modellbauclub und Bahnhofvorstand von Rorschach. Die Spur 1 hat den Massstab 1 : 32. Die Normalspur (mit einer Spurweite von 1435 mm) weist dabei eine Modell-Spurweite von 45 mm auf.

MS Zürich, selber mit zwei fahrenden Museumsstücken namens Langsamläufer-Motoren der SLM Winterthur ausgerüstet, bringt unsere Gruppe nach Lindau. Nach einer Stadtführung, wo ich überraschende Ecken und Häuser entdeckt bekomme, geht’s hinein ins dritte Museum von heute. August Macke, der bekannteste deutsche Maler des Expressionismus, ist im Stadtmuseum Lindau ein Publikumsmagnet. Unsere Stadtführerin: «Die Gemälde wirken heiter und leicht, alles Tragische ist ihnen fremd.» Seine Kunst befriedigt die Sehnsucht nach positiven Bildern einer heilen Welt, die in seiner Zeit alles andere als intakt war. Er fällt mit 27 jungen Jahren 1914 an der Front in Frankreich.

MS Zürich bringt uns zurück in die Schweiz. Ein anregender Tag geht zu Ende, der nach einer Wiederholung ruft.**** Die Unterschiede der drei Museen sind frappant, irritierend und faszinierend zugleich. Würth mit klarem Konzept und überschwänglichen Räumen überzeugt durch die Reduktion der betrachteten Werke. Das Kornhaus fällt mit hausgemachtem Layout auf, sprudelnd von vielen Themen und viel Herzblut. Lindau mit einem konventionellen Konzept, wie es früher in allen Kunsthäusern halt so ausgesehen hat, aber mit jeweils hochkarätigen Themen.

Bilder: Ein Ticket für alles. Zwei Innenaufnahmen mit Kunst-Ansprüchen: Der Oberdeck-Salon der «Säntis» auf der Fahrt von Romanshorn nach Rorschach und die Eingangshalle des Forum Würth. Das Kornhaus Rorschach beherbergt Ausstellungsteile im Bereich der «naturkundlichen und lokalpolitischen Themen sowie Bildungswelten» (Homepage); der Höhepunkt ist sicher die Modelleisenbahn der Spur 1 von Werner Stübi. Da brausen die Krokodil-Lokomotiven nur so herum. Regenwetter ist ideales Museums- und Schiff-Wetter: die «Zürich», selber ein Werk der Schiffbauingenieurkunst aus dem Jahr 1933, bringt uns Museumsbesuchende von Rorschach nach Lindau und zurück. Im Stadtmuseum fand im 2018 die Ausstellung «august macke» statt. Bild 6 Kultur Lindau, Text und übrige Bilder H. Amstad

Bemerkungen: *) Startzeit im 2019 ist neu um 0900 Uhr im Kornhaus Rorschach an folgenden Terminen: 14. Juni, 12. Juli, 9. und 30. August. Anmeldung bis zwei Tage im Voraus erforderlich unter: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!   •  Infos unter: www.kunstfahrten-bodensee.ch

**) Statt das Schiff im Zeitgeist der Fünfzigerjahre zu renovieren, gibt die Zürcher Architektin Susanne Fritz der «Säntis» ein völlig anderes Gesicht. Sie hat bereits das SBS-eigene Restaurant am Romanshorner Hafen gestaltet.

***) Würth ist mit 77 000 Mitarbeitende weltweit der grösste Hersteller von Schrauben, Montage- und Befestigungsmaterial mit 125 000 verschiedenen Produkten. Gegründet 1945 In Künzelsau (DE) hat die Würth-Gruppe ihren Hauptsitz in Schwäbisch Hall. Dank freundschaftlichen Beziehungen des Thurgauers Peter Fratton zur Familie Würth kamen sieben Firmen der Würth-Gruppe nach Rorschach. Die Schweiz ist für die Familie Würth auch wegen Jahrzehnte langer Ferienaufenthalte in Davos eine beliebte Destination. Würth ist Hauptsponsor des Spengler-Cups. Der Sohn des Gründers, Reinhold Würth, trat ausser als Sponsor von grossen Sportgrossanlässen auch als Mäzen der Kunst auf. 18 000 Kunstwerke sind mittlerweilen zusammengekommen, die Werke stammen ausschliesslich zwischen 1850 und heute. Allein in der Schweiz unterhält Würth ausser dem Forum in Rorschach weitere Kunsthäuser in Chur und Arlesheim, in Europa sind es insgesamt 14 Museen.

****) Für CHF 73 erhält man folgende Leistungen: 2 Schifffahrten. 3 Kunstführungen, ein Mittagsmenü inkl. Getränk sowie auf dem SBS-Schiff ein Getränk. Falk: „Einfach anmelden und mitzufahren, um den Rest kümmern wir uns.“ Etwas geprellt kommen sich GA-Besitzer vor, weil für sie das Schiff kostenfrei wäre, das Forum Würth preislich darauf aber keine Rücksicht nimmt.

(B)Logbuch-Einträge wie dieser hier werden unabhängig und ohne Auftrag geschrieben. Sie entstehen ohne materielle Unterstützung. Ausnahmen werden explizit erwähnt.

 

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