plus minus gleich
Artikel nach Datum gefiltert: November 2017

Wie in vergangenen Jahren publizieren wir die Neuerungen im Schiffsfahrplan für die Saison 2018. Neu ist dieses Jahr, dass das offizielle gedruckte Kursbuch nicht mehr erscheint. Es wird durch www.fahrplanfelder.ch, durch Unternehmens- oder Regionalfahrpläne sowie Onlineangebote kommuniziert, wann die Schiffe fahren. Wird die Zukunft so noch flexibler gestaltbar? Wird es dazu kommen, dass bei einer durch die Meteodienste angekündigten, längeren Schlechtwetterperiode die Fahrplanangebote auf dem See gekürzt beziehungsweise bei Schönwetter ausgedehnt werden? Online ist vieles flexibler, aber auch unverbindlicher. Immerhin gibt es dank privater Initiative noch ein (inoffizielles) Kursbuch 2018. Wie der Herausgeber Hans Meiner im Vorwort darin schreibt, ist es ein praktischer Ausflugs- und Reiseplaner und dies erst noch völlig unabhängig von Onlineanbietern. Mit Hilfe dieses Kursbuches (beim VCS bestellbar oder in grösseren Bahnhöfen erhältlich) und mit den letztjährigen Fahrplänen ist die folgende Zusammenstellung entstanden.

Genfersee: Hier gibt es kaum Änderungen zum Vorjahr. Das neue Kursbuch 2018 stellt den Fahrplan übersichtlicher dar, weil die Pendlerschiffe in einem eigenen Feld aufgeführt werden und so der Überblick über die touristischen Kursfahrten verbessert ist. Ab Neuchâtel fährt vom 21. Juni bis 26. August um 14.00 Uhr eine zusätzliche kleine Hochsaison-Rundfahrt via Auvernier nach Cortaillod und zurück, anschliessend fährt dieser zusätzliche Umlauf um 16.25 zum Südufer über Cudrefin und Portalban. Diese Fahrt findet interessanterweise kurz nach der seit längerem bestehenden Fahrt um 15.40 Uhr über dieselben Stationen statt. Somit wird der seit einiger Zeit bescheidene Fahrplan ganz leicht ausgebaut. Der Bielersee hat seinen Hochsaisonfahrplan ebenfalls ausgebaut: Freitag bis Sonntag finden um 13.15 und 18.30 Uhr zwei neue Sommerkurse zur Petersinsel statt und um 15.45 Uhr eine neue Fahrt über den ganzen See. Vorgesehen dafür ist das neue MS 60 resp. MS Chasseral. Neu fährt auf dem Thunersee im Vorfrühling ein zusätzlicher Kurs um 13.10 via Einigen nach Oberhofen, der Kurs um 14.40 verkehrt dafür nicht mehr via Einigen.

Auf dem Vierwaldstättersee gibt es vermehrte Verbindungen von und nach Kehrsiten-Bürgenstock: das neue Ferien- und Ausflugsressort wird nun zwischen 06.05 Uhr und 00.10 Uhr bis zu 23 Mal täglich per Schiff bedient. Dabei profitieren auch die Bevölkerung und Pendler von Kehrsiten. Weiter fährt im Sommer der schnelle Raddampfer-Nachmittagskurs nur noch bis Brunnen statt Rütli, so dass es leider keine Möglichkeit mehr gibt von Kurs 424 auf Kurs 22 umzusteigen. Im Winterfahrplan fährt neu Kurs 407 täglich bis Flüelen und dann täglich als Kurs 18 nach Luzern. Dieser schöne Ausbau hat einen kleinen Wermutstropfen: Das Schiff fährt neu an der Tellsplatte nur noch vorbei und hält dort nicht mehr. Auch das Alpnachstader-Fahrplanfeld enthält einige Neuerungen: So muss man im Herbstfahrplan genau aufpassen, an welchem Wochentag man die Reise antritt. Denn unter der Woche fährt der Kurs 67 um 15.50 und Samstags und Sonntags der Kurs 69 um 16.38 Uhr ab Luzern und dies erst noch über andere Stationen! Weiter wird der Kurs, welcher Alpnachstad um 11.00 Uhr verlässt, neu über Kehrsiten-Bürgenstock und Weggis geführt. In Weggis kann man im Sommer nach gut 40 Minuten Wartezeit Richtung Flüelen weiterfahren. Ab Weggis bis Luzern fährt anschliessend dieser Kurs fast gemeinsam mit dem Kurs 12. Eine neue Linienführung hat auch der Dampferkurs um 14.38 Uhr nach Alpnachstad; mit einem Billett von Luzern nach Kastanienbaum kann man fast eine Stunde auf dem Raddampfer verbringen – ein Spartipp. Erfreulich auch, dass im Frühlingsfeld das Stadt- und Spazierschiff jeden Sonntag fährt und nicht erst ab Mai, wie bisher.

Als grössere Änderung werden auf dem Bodensee die Kurse 116/120 resp. 113/115 (um 14.30 Uhr) in der Hochsaison nicht mehr in Friedrichshafen gebrochen, zudem wurden die Taktzeiten auf der deutschen Seite angepasst. Bei der SBS gibt es keine nennenswerten Änderungen. Die Saison startet bei den Schweizern bereits am Samstag, 24. März und somit erfreulich früh.

Auf dem Luganersee gibt es einige Änderungen. Erfreulich, dass auf der Linie nach Ponte Tresa neu auch an der Station Brusimpiano festgemacht wird. Der Winter-Fahrplan für die Zeit vor dem 25. März ist leider nur auf lakelugano.ch ersichtlich. Gemäss der Website erfolgt der Start in die Fahrplansaison 2018 bereits am 10. Dezember mit einer Winterpause vom 8. Januar bis 9. Februar mit drei täglichen Kursen um 10.00 und 14.00 bis Morcote und via Gandria zurück nach Lugano und um 11.55 nur nach Gandria. Erstmals entfällt die «Schlechtwetterklausel».

Auf dem Zugersee führt die SGZ den Kurs um 15.15 Uhr ab Zug neu auch über die Station Buonas. Die zwei letzten sonntäglichen Nachmittagskurse der «Schwyz» führen verkürzt nur noch über Buonas und Cham. Die Saison startet auf diesem See erst am 15. April. Vorher ist aber MS Schwan öffentlich unterwegs, beispielsweise am 17. März zur Saisoneröffnungs-Fahrt (www.motorschiff.ch). Auf dem Zürichsee wurde leider der morgendliche Kurs in den Obersee gestrichen. Dafür fährt nun ein Schiff um 11.15 ab Zürich nach Pfäffikon-Rapperswil und 15 Minuten später ein zweites (ebenfalls über Rapperswil) in den Obersee. So sind die Gemeinden oberhalb des Seedamms nur noch mit einem Kurspaar am Nachmittag bedient.

Die Schiffs-Agentur wünscht bereits jetzt eine schöne Schifffahrts-Saison 2018.

Bilder: Fahrplanwechsel ist auf fast allen Schweizer Gewässern an andern Daten; das Bild zeigt den Einsatz der Plakateure einen Tag vor dem Winterfahrplan in Luzern. Im neuen Kursbuch sind die Felder der Grenzgängerverbindungen neu dargestellt. Auf den Jura-Gewässern geht es fahrplantechnisch leicht aufwärts: zusätzliche Kurspaare sind sowohl auf dem Neuenburgers- wie auf dem Bielersee zu vermelden; im Bild das neue MS 60 der BSG. Um halb drei am Nachmittag weniger Umsteigen in Friedrichshafen: die zwei Schiffe fahren im 2018 nach dem Aus- und Einstieg durch. Auf dem Zugersee gibt es   Anpassungen der "Schwyz"-Kurse. Kein zweiter Schiffskurs mehr zum Obersee; die Gemeinden und Tourismuspartner sind enttäuscht. Text und Bild 7: M. Bisegger, Bilder 4, 6 M. Fröhlich, Bilder 1, 2, 5 H. Amstad, Bild 3 bsg

 
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Am Internationalen Binnenschifffahrtstreffen (IBT) gab es viel „Schiff“ – und das im doppelten Sinne. Die 304 Teilnehmenden des IBT konnten bei stundenlangen Aufenthalten an Bord von sieben Schiffen ihre Kamerad- und Freundschaften pflegen und sich fachtechnisch austauschen. Und: Das Wetter trug den anderen Teil des „Schiffes“ bei. Die sonst fantastische Kulisse der beiden Berner Oberländer Seen blieb vielfach in Wolken verhüllt. Das „Epizentrum“ des IBT lag in Interlaken, wo im November zahlreiche Hotels günstigere Übernachtungen anboten.

Der „Kickoff“ der Veranstaltung fand an Bord der „Lötschberg“ im Osten des Kanals statt. Am Donnerstagnachmittag (9.11.17) kam bereits eine gemütliche Stimmung auf und gegen 17 Uhr ging schon mal das Bier aus... Im Westen des Kanals empfingen die Teilnehmenden dann MS Berner Oberland und MS Schilthorn zur Abendveranstaltung. Am Tag danach fuhr DS Blümlisalp auf einem Zickzack-Kurs zur Schiffswerft Schadau, damit die Gäste die interessantesten Uferabschnitte des Thunersees aus der Nähe betrachten konnten. In der Schadau wurde wenige Tage zuvor die Werfthalle fertig erstellt. Der „Berner Oberland“, dem grössten BLS-Schiff, fällt nach der IBT-Veranstaltung die Ehre zu, die Halle erstmals auf ihre Tauglichkeit zu prüfen. Die Hauptrevision der „BO“ ist überfällig; sie konnte während des IBT nur als Restaurantschiff eingesetzt werden. Die Transfers nach Interlaken schaffte das Schiff nur noch einmotorig und ohne Fahrgäste. Die Dimensionen der neuen, noch leeren Halle mit 87,4 m Länge, 24 m Breite und 18 m Höhe lassen sich am IBT-Tag ohne Schiff schlecht erahnen. Doch ich kann es mir gut vorstellen: die „BO“ ist 57 m lang und 12 m breit. Das flutbare Dock fasst 4,5 Millionen Liter Wasser, das sind 4 500 m3 oder 30 000 gefüllte Badewannen. Die Pumpen können 287 Liter Wasser pro Sekunde aus der Anlage befördern; geflutet wird mit natürlichem Seewasser-Druck. Der Neubau kostete 12,8 Mio. Franken, wovon 8,5 Mio. der Kanton Bern und 4,3 Mio. die Anrainergemeinden bezahlten. Die BLS investierte zusätzlich eine Million in die Annexbauten, in denen die Werkstätten untergebracht sind.

Die Stiftung BLS „Das historische Erbe“ mit Sitz in Burgdorf zeigte in einem dieser Bauten alte Filme über Schiffe und das öffentliche Verkehrswesen im Berner Oberland. MS Oberhofen machte stündlich Rundfahrten ab der Werft. Auf der „Blümlisalp“-Rückfahrt nach Interlaken war zu vernehmen, dass die BLS mit ihrer Schifffahrt Grosses vor hat. In den nächsten 20 Jahren stehen Investitionen von 40 Mio. Franken an. Dabei will sich die BLS von vier Schiffen trennen: auf dem Thunersee sollen die „Niederhorn“ und die „Bubenberg“ oder die „Stadt Bern“ verschwinden, auf dem Thunersee die „Isletwald“ und die „Interlaken“. Der Brienzersee wird ein neues Schiff bekommen.

Am dritten Kongresstag standen der Brienzersee und seine charmanten Dampfaktivitäten im Zentrum des Interesses. Die Schraubendampfer Steamchen und Valhalla begrüssten die einfahrende „Lötschberg“ mit einem Pfeifkonzert und begleiteten die grosse „Schwester“ zur Ländte Brienz. Die Fahrten mit der Brienzer Rothorn-Bahn bis zur Zwischenstation Geldried litten ebenso unter dem Wetter wie die Dorfführungen und die Rundfahrten mit den beiden Dampfbooten Valhalla und Steamchen ab dem Pedalosteg in Brienz. Ab hier legte früher die „Harder“ jeweils für die Nachmittagsrundfahrten los.

Das Rundspanten-Boot Valhalla* von Rudolf Bindschedler, Kurt Will und Ruedi Wettach wurde 1986 von David Young aus Gossbritannien erbaut. Die aus dem gleichen Hause stammende, stehende 2-Zylinder-Zwillingsmaschine leistet 7.5 PS. Der Kessel (38 Liter, 8.5 bar) hat eine Holz- und Kohlefeuerung. Das Schiff wurde vom Erbauer in die Schweiz überführt. Peter Lais, der nachfolgende Eigner, liess eine neue Ruderanlage und ein neues Verdeck einbauen. 1996 wechselte das Schiff zum heutigen Eigentümer und somit vom Thuner- auf den Brienzersee. 1998 erhielt das Boot ein neues Schanzkleid in Mahagoni, 1999 wurde das Dach verlängert und erhöht.

Das Dampfboot Steamchen* wurde durch den vormaligen Eigner Otto Thomsen entworfen und in Mülheim a.d. Ruhr erbaut. Das Rundspanten-Holzboot ist aussen mit Glasfaser beschichtet. Im Oktober 1996 kam es in Betrieb und stand in England und in der Schweiz unter Dampf. Ab Ende März 1997 kam es dann auf den Brienzersee. Die Maschine (1995) stammt von Roger Mallinson, Windermere/GB. Die stehende Zwillingsmaschine leistet bei 300 U/min 6 PS. Der Kessel wurde 1996 von Michael Webber, Lancing/GB, konstruiert.

Den Abschluss des dritten Tages war der Galabend im stimmungsvollen, denkmalgeschützten Kursaal von Interlaken. Der im Jahr 1910 erbaute Prunksaal hat eine Fläche von 1200 m2 (was sechs Tennisplätzen entspricht). Zum Tanz und zur Unterhaltung spielte das Rimo Quintett und mit ihm der  Brienzersee-Kapitän Beat Feuz (Bass, Keyboard, Akkordeon, Gesang) auf. Der OK-Präsident Claude Merlach**, seines Zeichens der Leiter der Schifffahrt, blickt zurück: „Wir europäischen Binnenschiffer pflegen seit über 60 Jahre lose berufliche Verbindungen, eine Amical ohne grosse Formalitäten. Es gelingt, jedes Jahr ein attraktives Treffen unter Profis zu organisieren. Berufsleute vom Maschinisten bis zum Steuermann, vom Matrosen bis zum CEO einer Schifffahrtsgesellschaft erlebten im Berner Oberland spannende vier Tage auf den beiden Seen. Es ist erstaunlich, wie diese Tradition auch ohne offizielle Vereinsstruktur immer noch so lebendig ist. Und schon haben sich wieder verschiedene Schifffahrtsgesellschaften für die Austragung der nächsten Jahre angemeldet, so dass ich überzeugt bin, dass auch das 100. IBT noch stattfinden wird...“

Am Sonntag endete die 62. Ausgabe des IBT mit der Delegiertenversammlung, die Claude Merlach in rekordverdächtigem Tempo „durchpeitschte“, denn draussen warteten für kurze Zeit (und erstmals an diesem IBT) die Sonne und eine würzige Oberländer Grillwurst auf ein Bye-bye von Interlaken. Einige der Teilnehmenden wählten dann die Rückreise über den Brünig, da die BLS um 12.05 Uhr ausser Plan eine öffentliche Fahrt mit der „Lötschberg“ anbot. 225 Fahrgäste pilgerten an diesem November-Sonntag auf den Brienzersee und am Abend zählte der Kapitän eine Gesamtfrequenz von 450. Einerseits war die „Lötsch“ aus den Vortagen bereits aufgedampft. Anderseits konnte mit dieser Winterfahrt der Wirt der Brienzersee-Flotte stil- und würdevoll verabschiedet werden. Peter Schenkel, Inhaber und Gastronom der Gastro-Lac AG, hatte nach 20 Jahren sehr zum Bedauern der treuen Kundschaft seinen Vertrag auf Ende 2017 gekündigt.

Bilder: Claude Merlach begrüsst die Teilnehmenden des IBT 2017 an Bord der „Berner Oberland“. Ein seltenes Bild und dies noch im November: die „BO“ als Festsaal, die „Schilthorn“ als Barschiff und die „Blümlisalp“ als Tages-Ausflugsdampfer übernachten in Interlaken West. Die Schiffsleute konnten während des Kongresses die Flotte auch aus ungewöhnlichen Perspektiven bestaunen, hier vom Maschinenraum der „Blüemlere“. Brienz präsentierte sich als Dampfermekka des Berner Oberlandes und machte so mächtig Reklame für die nächsten Dampftage vom 29. Juni bis zum 1. Juli 2018. Auf dem Mitteldeck des DS Lötschberg sorgten die Volksmusiker des Wolfgangsees für gute Stimmung. Stimmungsvoller Abschluss des 62. IBT in Interlaken West am Sonntag, 12. November 2017 mit der BLS-Brassband.

Bemerkungen: *) • Walhalla: L 6.30 m, B 1,74 m, T 0.50 m, Verdrängung 980 kg, v 8 kn.   • Steamchen: L 7.17 m, B 2.04 m, T 0.55 m, Verdrängung 1050 kg, v 6 kn.

**) Im OK des IBT 2018 arbeiteten mit: Claude Merlach, René Anliker, Beat Hodel, Beat Feuz, Martin Schild, Martin Schöni, Jürg Graber, Yves Lehmann, André Amacher, Cornelia Graf und Karin Graf

*** Das 63. IBT findet in Frankreich statt: Vom 26. bis 28. Oktober 2018 weilt der Kongress in Besançon. Der nautische Schwerpunkt wird aber in in Villers-le-Lac sein. In der dort ansässigen Werft  werden viele der „Bateaux mouches“ für französische Gewässer gebaut. Der Ort liegt auf 750 m ü. M. am Doubs, der hier die Grenze zur Schweiz bildet. Der Fluss wird von der französischen Gesellschaft und der Schweizer Schifffahrtsgesellschaft NLB befahren. Der Doubs wird vier Kilometer unterhalb von Villers-le-Lac durch einen Felsen gestaut; der dadurch gebildete, knapp 1 km2 grosse und bis zu 27 m tiefe See ist eine Touristenattraktion und heisst bei den Franzosen Lac de Chaillexon und bei den Schweizern Lac de Brenets. Die nächsten Austragungsorte des IBT sind: 2019 Bregenz / 2020 Zürichsee / 2021 Brombachsee / 2022 Bielersee

Weitere (B)Log-Einträge: MS Oberhofen vom 26. März 17 (Link), 61. IBT 2016 Link, 60. IBT 2015 Link, 59. IBT 2014 Link, 58. IBT 2013 Link, 57. IBT  2012 Link.

 
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Es ist ein trostloser November-Sonntag: nass, windig, kalt. Manch einer denkt sich beim Aufstehen: „Muss das sein, heute?“. Man hat sich angemeldet, rafft sich auf und sagt sich am Ende des Tages: „Es hat sich gelohnt, es war toll.“ Von den äusserlichen Bedingungen abgesehen waren die beiden Fahrten auf den Zürcher Gewässern in der Tat ein Erlebnis. Die Reiseteilnehmenden der Schiffs-Agentur haben sich in Eglisau eingefunden, wo uns das Flaggschiff der Schifffahrtsunternehmung von Heinz und Madelaine Frigerio (Schifffahrts-Gesellschaft Züri-Rhy SZR AG) im wohlig geheizten Salon der „Rhystern“ empfängt. Das Zweideck-Schiff mit der kantonalen Immatrikulationsnummer 1919 ist 1993 in Oberwinter am Rhein erbaut worden. Auf der Fahrt von Eglisau hinunter zum Stauwehr Eglisau-Glattfelden geniessen wir an Bord ein ausgiebiges Frühstück.

Rheinaufwärts zur Tössegg fahrend macht mich der Reiseteilnehmer Alois Böni steuerbordseitig auf ein unscheinbares, getarntes Tor aufmerksam. Er weiss darüber Spanendes zu berichten: „Dahinter befindet sich der Eingang zum Öltank-Lager der Migrol“. Bis in die 70er-Jahre existierten konkrete Pläne, den Rhein von Basel bis Bregenz am Bodensee schiffbar zu machen. Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler legte deshalb hier in Eglisau ein unterirdisches Tanklager an. In Tössriederen entstanden so auf einer Fläche von 40 000 m2 200 Tanks. Die Schiffbarmachung des Rheins wurde dann aus wirtschaftlichen Gründen fallen gelassen – nichts wurde aus Gottlieb Duttweilers Vision von einem Hafen für grosse Tankschiffe in Eglisau. Das Pionierwerk wurde nutzlos. Seitdem rosten die unterirdisch angelegten Tanks vor sich hin; sie wurden schlicht vergessen. Nur den Wanderern fielen die überwachsenen Betonbauten, Türen und Schachtdeckel auf.

Als der Kanton Zürich 2015 ein Kataster über Standorte mit Belastungen im Boden erstellte, kam das Tanklager in Eglisau „auf den Radar“ der Behörden. Die Belastung im Boden sei zwar nicht gravierend, sagte ein Mediensprecher des Kantons, da die Anlage aber sanierungsbedürftig sei, werde das Tanklager aber langfristig zu einem Sicherheitsproblem. Der Kanton und die Gemeinde Eglisau haben nun zusammen mit dem Eigentümer und der Pflichtlagerorganisation der schweizerischen Mineralölwirtschaft einen Verein gegründet, um den Rückbau des Tanklagers ab 2018 umzusetzen.

Nur wenige Hundert Meter oberhalb dieser Stelle fällt mir bei der Einmündung der Töss auf, dass im Rhein mannshohe Baumstrümpfe die Schifffahrt behindern. Ich frage den Kapitän und Geschäftsführer Heinz Frigerio nach den Gründen: „wegen eines Renaturierungsprogrammes des Amtes für Abfall, Wasser, Energie und Luft AWEL des Kantons Zürichs geht hier seit einigen Jahren nichts mehr.“ An sich sei das Ganze eine gute Sache, nehme aber auf die bestehende Schifffahrt zu wenig Rücksicht, blickt Figerio sorgenvoll in die Zukunft. Das Fahrgebiet für seine drei grossen Schiffe ist bereits heute eingeschränkt: n rossen Schiffe ist bereits eingecjrhrt zu wenig Rücksicht. "Wir können nur noch bis Rüdlingen verkehren, weil danach wegen der Umgestaltung der Thurmündung Sandbänke ein Weiterkommen verhindern.“ Nebst dem wirtschaftlichen Schaden für das Unternehmen bedeutet dies eine Attraktionseinbusse für den Tourismus wie für die beliebten Schulreisen. Im Ausland beobachte ich eine andere Taktik: dort wird bei Naturschutzprojekten die Schifffahrt aktiv miteinbezogen oder gar neu eingeführt. Diese Behörden begründen die Unterstützung der Schifffahrt aus erzieherischen, pädagogischen Gründen: Naturschutz gehe nur mit dem Faktor Mensch. Dieser werde gerade durch das sanfte Verkehrsmittel Schiff darauf sensibilisiert, argumentieren sie. Für mich ist dies geschickter PR-Gedanke, wo es nur Gewinner gibt. Stattdessen setzt der Kanton Zürich auf eine radikale, wenig kompromissbereite Umsetzung, was ich als Schiffs- wie als Naturliebhaber bedaure.

Demnächst „blüht“ der SZR eine nächste Renaturierungsphase bei der Tössmündung, wo auch seine Schiffshütte und die Anlegestellen für alle Schiffe stehen. Ausgebaggert wird schon lange nichts mehr; im Gegenteil: Frigerio wird auf Kosten des Kantons seine Werftanlage um rund 100 m rheinaufwärts neu bauen müssen, um an der heutigen Stelle ein Flachufer zu realisieren. Wegen finanziellen Engpässen ist dieses Projekt zur Zeit allerdings sistiert.

Zurück in Eglisau angelangt geht unsere „Reise“ mit Spaziergängen und S-Bahnen nach Feldmeilen, wo uns der 88-jährige Oldtimer Mönchhof erwartet. Auf der Rundfahrt im unteren Zürichseebecken erleben wir dann zwei seltene Ereignisse. Vor Rüschlikon stoppt unser Kapitän Thomas Brönimann das Schiff, um eine seemännische Gedenkminute zu halten. Ein 30 Sekunden dauernder Schiffshornstoss gedenkt dem Dampfschiffkapitän Bruno Bertschinger, der gestern gestorben ist. Bertschinger war der Schwiegervater von Thomas. Bei der ehemaligen ZSG-Anlegestelle Mönchhof legen wir dann für einen Fotohalt an: somit können unsere Schiffsliebhaber das gleichnamige Schiff mit „seiner“ Schifflände fotografisch festhalten.

Die Geschichte der „Mönchhof“ zwischen dem Baujahr 1929 bis 1966 ist im (B)Logbucheintrag vom 12.11.2012 bereits beschrieben*. Nachdem das Schiff von Genf via Neuenburg 1966 nach Biel gelangte, bekam es bei der BSG bereits seinen vierten Namen: Romandie II. 1973 verschwand dann die „II“, weil keine Namensvettern mehr vorhanden waren. 1976 gab es den grössten Umbau in der Geschichte des Schiffes: das Vorschiff erhielt ein festes Deck, der offene Steuerstand wich einem Steuerhaus im Vorschiff und die „II“ wurde beim Namen wieder dazu gesetzt... Der Salon bekam eine Heizung und die Maschine wurde zur Selbstbedienung umgebaut, sodass ein Einmann-Schiff entstant. Die so renovierte „Romandie II“ war nun auch für den Winterdienst zwischen La Neuveville und Erlach im öV-Verkehr zum Einsatz gekommen. Die BSG rangierte 2005 das Schiff aus und Leo Ullmann aus Zürich übernahm es. Bereits 2006 kam es zum heutigen Eigentümer, Marcel Capecchi vom Restaurantbetrieb Mönchhof, der es entsprechend zum sechsten Mal umtaufte.

Bilder: Zur morgendlichen Fahrt empfängt uns das SZR-Flaggschiff Rhystern in Eglisau (im Hintergrund die Brücke hinüber zum Bahnhof). Madelaine Frigerio präpariert die Platten zum Zmorge-Buffet; bereits geht’s los mit angeregten Gesprächen beim ausgiebigen Frühstück, im Hintergrund passieren wir Eglisau. Die Töss bringt immer mehr Geschiebe in den Rhein; wegen des Renaturierungprogrammes des Kantons Zürich wird es für die Schifffahrt immer enger. Bereits kann der Steg 1 der SZR nicht mehr anzugefahren werden.

Am Nachmittag huschen die Reiseteilnehmenden der Schiffs-Agentur „unter dem Regen durch“ in Herrliberg auf die „Mönchhof“. An der Rückwand des Schiffes hängen Bilder aus vergangener Zeiten; das Winterbild ist datiert mit dem 22. Februar 1985, abgebildet ist das Schiff als „Romandie II“ im Pendlerdienst La Neuveville - Erlach. Thomas Brönimann steuert das Schiff über den herbstlich-stürmischen Zürichsee. Ein seltenes Manöver: Unser Zwischenalt bringt die „Mönchhof“ zur Station Mönchhof. Bild im Textteil: Noch älter als die drei alten Fotos sind diese Billette: sie stammen aus der Aera Kölliker um 1955. Text und Bilder H. Amstad, Billette Sammlung R. Bucher

*) Weiter im (B)Logbuch: Schifffahrt Frigerio Zürcher Rhein Link  - Fahrt mit MS Mönchhof Link

 
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