plus minus gleich
Artikel nach Datum gefiltert: März 2017

Da ging ein „Raunen“ durch die Fachwelt: Während das neue Basler Personenschiff, jenes für den Bielersee und die neue Zürichsee-Fähre in Linz an der österreichischen Donau gebaut werden, gelangen drei Schiffe der Grundlsee- und Toplitzsee-Flotte von Österreich in die Schweiz zu einer Generalsanierung. Die „Rudolf“, „Traun“ und „Gössl“ sind am 5. Dezember 2016  auf dem Strassenweg vom steirischen Salzkammergut in Luzern eingetroffen, um sie bei der Shiptec der SGV-Gruppe auf den neusten technischen Stand zu bringen. Um die Gründe zu erläutern, muss ich etwas ausholen.

 

Die Schiffe der Grundlsee- und Toplitzseeflotte sind vor zwei Jahren vom fast 100 Jahre alten Familienunternehmen Zimmermann von der Firma Braun & Co übernommen worden. Dieses 1980 gegründete Unternehmen gehört zur Dietrich Mateschitz Beteiligungs-GmbH. Dietrich Mateschitz ist der grösste Unternehmer in Salzburg; er lancierte 1987 Red Bull und ist heute Weltmarktführer bei den Energy-Drinks. Er sponsert Extremsportarten wie das Cliff-Diving bei Sisikon, wo Wasserspringer 23 m vom Axen in den Urnersee springen und dabei mit 90 km/h ins Wasser tauchen. Mateschitz unterstützt daneben auch Fussballklubs und hat einen eigenen Formel-1-Rennstall. Er ist ein Unternehmer und als solcher gewohnt, seine Pläne und Ziele in kurzer Zeit zu realisieren. Ruedi Stadelmann, Leiter der Shiptec: „Das war unsere Chance. Schiffsneu- und Umbauten sind ein ausgesprochenes Projektgeschäft; wir sind uns gewohnt, mit Spitzen und zeitlich engen Vorgaben umzugehen.“ Dieser Umstand bestätigt auch der österreichische Schiffstechniker und Kenner Severin Schenner. Er benennt die Hintergründe, weshalb die Shiptec sich im Vergleich zur Öswag Werft Linz und der Lux-Werft durchsetzen konnte damit, dass Shiptec für die zwei Schiffe Rudolf und Traun sowie für das Mototorboot Gössl im Gesamtpaket und in einem sehr engen Zeitfenster offerieren konnte. „Dies entsprach dem Wunsch des Auftraggebers. Ob sich dies jedoch für die Projektabwicklung positiv bewährt, weil nur die Zeit und nicht die optimale Lösung im Vordergrund steht, wird sich zeigen,“ bemerkt Schenner kritisch. Die Shiptec hat allerdings den Anspruch, trotz engem Zeitplan optimale Lösungen zu realisieren.

Die Schifffahrtsverantwortlichen des Grundlsees sind auf die Luzerner Werft aufmerksam geworden durch das Internationale Binnenschifffahrtstreffen, das 2015 in der Zentralschweiz stattfand. Ich fragte den Leiter Werft und für diese Umbauten verantwortliche Projektleiter, Francesco Lapiccirella, nach den Herausforderungen dieses Auftrages: „Ja, der Zeitdruck war enorm, am 11. April verlassen nach bloss vier Monaten zwei der drei Schiffe unsere Werft, da am 29. April auf dem Grundlsee wieder gefahren wird. Denn die ganze Flotte weilte in Luzern.“ Schicht- und Samstagsarbeit sowie eine clevere Abfolgestrategie der Arbeiten machten das Unmögliche möglich. Dabei ist es nicht so, dass die Shiptec nichts anderes zu tun hätte. Die Hektik ist in der Werft spürbar: Schlussphase MS 2017 der SGV, Umbau MS Titlis (unter anderem mit neuem Oberdeckraum), Neumotorisierung MS Flüelen, Decksanierung DS Schiller, Vorbereitungsarbeiten des neuen Schiffes des Bürgenstock-Zubringers und in der Halle stehen noch die zwei neuen Kabinen der Bürgenstockbahn, die Shiptec im Auftrag der Garaventa gebaut hat. Die Bude läuft rund.

Speziell am Grundlsee-Auftrag war auch, dass man den klassischen Projektablauf mit einem Vorprojekt und den üblichen Prozessen vergessen konnte. Die Schiffe sind auf zwei Tiefladern nach Luzern gerollt, ohne dass man genau wusste, wie und in welchem Umfang die Sanierung erfolgen sollte. Generalpläne oder ein Auftragskatalog gab es nicht. Die Absichtserklärung war immerhin bekannt: Generalsanierung, Neumotorisierung, die Technik auf den neusten Stand bringen und die ins Alter gekommenen Schiffe zu drei Schmuckstücken machen.

Ich bin vor Jahren mit der „Rudolf“ gefahren und habe bemerkt, dass die Aufbauten dieses Schiffes in Aluminium in keiner Weise mit dem Bautyp des Schiffes zu vereinbaren sind. Die Niedergänge ins Vor- und Achternschiff waren steil, die Fensteraufteilung des Steuerhauses passte stilmässig nicht zum Schiff, die „Rudolf“ war vor dem Luzerner Aufenthalt im Grossen und Ganzen ein Flickwerk ohne Liebe zum Detail, wie man das beispielsweise von der SGV-Dampferflotte her kennt. Und die „Gössl“ stand als Holzboot in den letzten 50 Jahren im Trockenen, verstaubt in einem Schuppen. So verwundert es nicht, dass da etliche österreichische Schifffahrtsfreunde und Experten kritisch nach Luzern geschaut haben.

Francesco Lapiccirella: „Es zeigte sich nach einer ersten Analyse, dass MS Rudolf komplett neu aufgebaut, MS Traun saniert und die Renovation MB Gössl auf den Sommer verschoben werden soll.“ Mit diesem Entscheid konnten die Parallelbaustellen zeitlich günstig gestaffelt werden. Entscheidungen, die Liefertermine zur Folge hatten, mussten zuerst und schnell getroffen werden, während andere erst im Verlaufe des Baufortschrittes nötig waren. Die zwei nun renovierten Schiffe bekommen eine dieselelektrische Antriebsanlage; sie wird durch Siemens Nautica Italien geliefert. In der Halle hört man oft italienisch; sicher auch ein Grund, warum Lapiccirella ausser Plan die Projektleitung übernehmen musste, obwohl er als Werftchef genug andere Arbeit hätte. „Diese Herausforderung mit den drei Schiffen macht Freude, das wird eine tolle Sache,“ meint er mit einem Stahlen im Gesicht. Parallelen zum Umbau „Unterwalden“, den er ebenfalls leitete, sind – einfach im andern Masstab – offensichtlich. Betrachten wir die drei Schiffe etwas näher.

Die „Rudolf“, vormals „Fürstin Kinsky“ und während der Nazizeit „Rudolf Erlbacher“ genannt, wurde im Jahre 1903 von der Schiffswerft Linz mit der Baunummer 456 abgeliefert. Bis 1954 wurde das Schiff durch eine Dampfmaschine mit einer Gesamtleistung von 25 PS angetrieben, dann kam ein Dieselmotor ins Schiff. 1965 erhielt das Schiff das Aussehen bis kurz zu seiner Schweizer Reise. Es war 19,5 m lang und 3,5 m breit, die heutigen Masse sind noch nicht bekannt. Die seit je her schlechte Stabilität und Hecklastigkeit werden nun in Luzern verbessert; der Rumpf wird deshalb auf jeder Seite mit sog. Sidesponsons um je rund 75 cm verbreitert. Sidesponson sind zusätzliche Schwimmkörper, die auf eine bestehende Schale aufmontiert werden. Ich muss im Bild 3 genau hinschauen, dass ich dies optisch merke. Die Fenstereinteilung wird dem Dampfer von 1903 nachempfunden. Holz, Messing und Leder sollen zu einem „Wau-Effekt“ führen: Das Täfer im Innern ist aus Nussbaum, die Bodenbeläge aus Eichen, das Steuerhaus aus Mahagoni. Lapiccirella: „Die ‚Rudolf’ ist ausser der Schale ein Neubau.“

Das Motorfahrgastschiff Traun wurde im Jahre 1972 von der Schiffswerft Linz mit der Baunummer 1223 gebaut. Die „Traun“ ist 13,95 m lang, 3,05 m breit und ist zugelassen für 50 Personen, wovon 30 Fahrgäste im Innenraum wetterunabhängig ihren Sitzplatz finden. Ursprünglich war vorgesehen, auch bei der „Traun“ die Aufbauten völlig neu zu machen. Der Eigner konnte aber von der Shiptec überzeugt werden, dass die Holzaufbauten in einem renovationswürdigen Zustand waren. Die ganze Technik wird auch hier völlig neu erstellt. Die Inneneinrichtung wird ebenfalls komplett erneuert und mit edlen Materialien ausgeführt. Die Bodenbeläge werden ähnlich den SGV-Dampfern in Doussie-Holz ausgeführt.

Die „Gössl“ wurde bei der Schiffswerft Klosterneuburg 1930 erbaut und fuhr während 36 Jahren bis 1967 für die Schifffahrt Zimmermann. Benedikt von Hebenstreit* berichtet: „Das Boot wurde dann in einem Holzschuppen abgestellt. Während Peter Zimmermann das Schiff verschrotten wollte, plädierte seine Frau für die Erhaltung. Die Pattsituation führte zum glücklichen Umstand, dass das Schiff nun nach 50 Jahren Stillstand wieder zum Fahren kommt.“ Das wunderschöne, 8,5 m lange Holzboot wird nun ebenfalls total saniert. Es wird im Verlaufe des Sommers die Schweiz verlassen und auf dem Grundl- und Toplitzsee als Sonderschiff eingesetzt. Der Inhaber der Flotte, Dietrich Mateschitz, ist von seinem Entscheid überzeugt. Er sei sehr zufrieden mit den Leistungen der Luzerner und meinte bei einem kürzlichen Besuch in der Leuchtenstadt mit Blick auf die Renovation der Raddampfer, dass er die richtige Werft für seine Schiffe ausgewählt habe.

Bilder: Die „Rudolf“ hat in seinem 115-jährigen Dasein eine eigentliche Metamorphose durchgemacht: das Bild im Textteil zeigt das Schiff im Zustand 1903, die Postkarte den Zustand nach 1946; dann die „Rudolf“ vor der Renovation 2017 und am ersten „Schwimmtag“ nach den Umbauarbeiten (nachträglich am 16.4. in den Blog einmontiert). Projektleiter Francessco Lapiccirella besichtigt den Baufortschritt im Innern der „Rudolf“. Die „Traun“ in ihrem letzten Zustand vor der Renovation auf einer Postkarte. Die Holzaufbauten wurden von Grund auf renoviert. Bild im Textteil unten: der Rumpf der „Gössl“ steht bereit für die nächsten Arbeiten. Bild 2 und 3 S. Schenner, Bilder 1 und im Textteil oben Sammlung H. Amstad, übrige Bilder und Text H. Amstad.

*) Benedikt von Hebenstreit ist der Autor von der umfassendsten Darstellung der österreichischen Schifffahrt, die es je gab. Bei uns bei der Schiffs-Agentur exklusiv veröffentlich unter „Schiffpedia“ (Link).

Nach dem Verfassen dieses Blogs schrieb uns Severin Schenner: „Die neuen hellen Aufbauten geben im Inneren ein angenehmes Raumgefühl, die Materialisierung ist hochwertig und gediegen, die Abgänge nun ausreichend breit und angenehm zu gehen. Kurzum, die Schiffe haben sicherlich viele Verbesserungen erhalten. Die Antriebskonzepte sind ebenfalls zeitgemäss und werden sich auch innerhalb kürzester Zeit amortisieren. Es bleibt der Grundlsee-Schifffahrt zu wünschen, dass sie lange mit den Schiffen Freude hat und sie liebevoll pflegt.“

Video der Einwasserung der Schiffe Rudolf und Traun am Grundlsee (Link)

 
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Die meisten Schifffahrtsgesellschaften definieren für meine Begriffe den Winter zu lange. Auf dem grössten rein schweizerischen See, dem Neuenburgeree, herrscht schifffahrtsmässig während 200 Tagen „Eiszeit“, da geht bis Ende April gar nichts. Die Menschen spüren zwar den Frühling im März, sehnen sich nach Sonne und Licht und können kaum warten bis zu den ersten Ausflügen, auch mit dem Schiff. Mir kommt das vor wie anfangs Winter, wo die Wintersportler kaum warten können mit dem Wintersport, obschon meistens die Verhältnisse dann noch nicht toll sind auf den Pisten. Zurück zum Frühlingserwachen: Ich staune, wie lange die Schifffahrtsgesellschaften den Winter interpretieren.

Den längsten Winterschläfer habe ich bereits erwähnt. Ebenfalls sehr spät beginnt der Ägerisee mit seinem Fahrplan, nämlich am 23. April und am 16. April der Zugersee. Auf dem Genfersee und Vierwaldstättersee* ist am 14. April der Frühlingsbeginn angesagt. Am andern „Ende der Skala“ lassen die Autofähre Vierwaldstättersee und die Kursschiffe Rorschach-Lindau bereits am 25. März die Motoren laufen. Klimaerwärmung und ein ungeduldiges Publikum könnten Gründe sein, den Saisonstart auf einigen Schweizer Seen zu überdenken.

Mit fleissigen Internetrecherchen findet man dann schon einzelne und interessante Angebote bereits vor dem offiziellen Start: Wie vor zwei Wochen beschrieben die "Italie"-Rundfahrten ab Genf, ein zusätzliches Zmittagschiff auf dem Zugersee, die Kurse 4 bis 7 bei warmem Wetter auf dem Hallwilersee oder Rundfahrtangebote der "Oberhofen" ab Thun. Letztere nehme ich zum Anlass, aus dem Winterangebot der BLS einen Frühlingstag zu machen mit dem Besuch von vier Schiffen.

Ich starte mit der "Beatus", Kurs 109/110 ab Thun um 9 Uhr 40. Obwohl eine (in diesem März seltene) Kaltfront über der Westschweiz liegen bleibt und die äusserlichen Bedingungen unwirtlich sind ist das Frühstücksschiff gut belegt. Zurück in Thun nimmt mich die "Oberhofen" ab Thun mit, zusammen mit rund 40 andern Fahrgästen. Nach anderthalb Stunden Fahrt über die wenig bedienten Stationen Hofstetten und Schadau peile ich mein drittes Schiff an, die an der Ländte 1 vertäute "Stadt Thun", wo ich auf dem stehenden Restaurant ein Mittagessen einplane. Obschon das Schiff offen und das Service-Personal anwesend ist, hat mein Plan kein Erfolg. "Brunch oder nichts", lautet die Devise. Am Nachmittag um halb zwei ist mir aber nicht mehr nach Brunch zumute. Ein Teil des Brunchangebotes wäre ein gangbarer Kompromiss gewesen, z.B. mit einer Schale Birchermüesli oder einem Sandwich, frisch zubereitet ab Buffet. Aber nein, von Seiten des Personals gibt's da kein Verhandeln. Eine Enttäuschung, was sich die SVgroup hier leistet.

Dies steht im Gegensatz zum andern BLS-Gewässer, dem Brienzersee, der im Schweizer Vergleich über eine hervorragende Küche und einen ausgezeichneten Ruf verfügt. Leider geht dieser Service auf dem Brienzersee nun dem Ende entgegen: Peter Schenkel, Inhaber und Gastronom der Gastro-Lac AG hat nach 20 Jahren seinen Vertrag auf Ende 2017 gekündigt. Aus der Presse entnehme ich, dass die BLS der SVgroup gekündigt hat, ebenfalls auf Ende Jahr, um alle Optionen für eine gute Lösung allenfalls für beide Seen offen zu halten.

Bevor ich den Tag mit dem Kurs 119 nach Spiez beende und dabei den vierten „Dampfer“ des Tages (MS Stockhorn) besteige, nutze ich die Gelegenheit, das „Oberhofnerli“, wie es die Berner nennen, noch einmal etwas genauer zu betrachten. Das letzte Mal, als ich an Bord war, waren die Umbauarbeiten nämlich noch nicht abgeschlossen. Ich sitze im wohlig geheizten Salon, schaue um mich und frage mich, welche Stilelemente wohl aus welcher der vier Epochen** stammen könnten. Das Intérieur wirkt nicht „aus einem Guss“ und es scheint, dass jeder Eigner sich finanziell zur Decke strecken musste, weshalb er vom Vorgänger jeweils alles übernahm, was noch intakt war.

Unterschiede zwischen der ersten (1940 bis 1999) und der 2. BLS-Epoche (ab 2014) lassen sich dank akribischer Dokumentationen von Jürg Meister beschreiben: „Original ist die Decke, aber nicht die Leuchten, das waren vorher ‚gewöhnliche’ Milchglasglocken. Weitgehend original ist auch die Täferung seitlich und an den Stirnseiten, auch die Decksplanken werden aus der Zeit von 1940 stammen. Holländisch ist sicher die Möblierung (Bestuhlung und Tische), vorher waren im Salon Holzlattenbänke in Coupé-Anordnung wie auf der ‚Niesen’ und den Zürchern Geschwistern anzutreffen. Die an SBB-Drittklass-Wagen erinnernden Bänke aus Esche wurden dann um 1964 herum veredelt, indem die BLS eine rote Kunstleder-‚Teilbeplankung’ darüber montierte. Ich mag mich gut erinnern, dass bei den Übergängen (Knicken) das Holz noch sichtbar war. Holländisch sind natürlich auch all diese äusseren Zusatz-Blachen.“

Bilder: „Grossbetrieb im Winterfahrplan in Thun: MS Oberhofen steht bereit für die 2. Rundfahrt, MS Beatus beginnt den Kurs 13, MS Bubenberg ist seit Dezember wegen dem tiefen Wassersand "gefangen" und im Hintergrund ist die „Stadt Thun“ als vermeintliches Restaurant geöffnet. Die „Oberhofen“ ist hier im Aarebecken unterwegs, links das Kleist Inseli. Nächste Station: Schadau, das Schloss als Ausgangspunkt von Stadtspaziergängen. Ablegemanöver in Hofstetten, nahe gelegen am schön renovierten Biedermeierhaus Restaurant Dampfschiff Bateau à vapeur rechts im Bild. (Früher hiess diese Station Thun Kursaal.) Bordleben mit Edmonsonsche Billette und Bier in der Kühle. Diese Aufnahme ist eine Rarität: Das Schiff (noch unter dem Namen Vriendschap) fährt mit eigener Kraft vom Basler Hafenbecken 1 in Kleinhüningen durch Basel (hier an der mittleren Brücke) nach Birsfelden, wo es dann Ende November 2013 ausgewassert und medienwirksam nach Thun geholt wurde. Bilder im Textteil: Vorbeifahrt an der Kirche von Scherzligen und ein Blick in den Salon mit einem Fischaugenobjektiv aufgenommen. Bild 1 P. Gast, Bild 6 J. Meister, Text und übrige Bilder H. Amstad

Bemerkungen: *) Zu erwähnen ist, dass der Vierwaldstättersee einen ausgezeichneten Winterfahrplan hat und bei starkem Verkehrssaufkommen grosse Schiffe einsetzt. So sind am 31. März 13 Schiffe auf der Fahrordnung: als Kurs-, Sonder- und Ausstellungsschiffe, und das im Winterfahrplan!

**) 1. Epoche auf dem Zürichsee als „Ente“ 1939 (Landesausstellung) / 2. Epoche auf dem Thunersee als „Oberhofen“ 1940 – 1999 / 3. Epoche auf den Binnengewässern um Amsterdam als „Vriendschap“ 2000 – 2013 / 4. Epoche auf dem Thunersee als „Oberhofen“ ab 2014

Weiter im Text: Vierte Jungfernfahrt der „Oberhofen“ vom 2. Mai 2014 (Link); eine Reisebericht mit MS Oberhofen vom 25. Oktober 2014 (Link)

 
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Im November verpasste ich das grosse Comeback des dieselelektrischen Radschiffes Italie. Bei frühlingshaften Bedingungen hole ich das Kennenlernen der „Italie“ heute nach. Das Schiff ist während diesem Winter in Genf stationiert und steht bei einigermassen gutem Wetter auch ausserhalb des Fahrplanes an 12 Tagen im März im öffentlichen Einsatz*. Mit durchschnittlich 60 Passagieren pro Fahrt ist das heutige Fahrgastaufkommen erfreulich; ich geniesse die feudalen Platzverhältnisse an Bord.

Von aussen ist ausser dem Namen und der Bugzier kaum ein Unterschied zum Schwesterschiff Vevey, das vor drei Jahren total renoviert wurde, zu erkennen. Das bestätigt auch der Verwaltungsratspräsident der „Belle Epoque AG“ der CGN Maurice Decoppet: „Das war bereits ursprünglich so, dass dies wirklich baugleiche Schiffe waren.“ Im Innern des Schiffes gibt es zwei wesentliche Unterschiede zur „Vevey“: Der Salon als sichtbares Element und die Antriebswelle, die dem Fahrgast verborgen ist.

Während die beiden Elektro-Motoren der „Vevey“ unabhängig voneinander je das Back- und Steuerbordrad antreiben,sind bei der „Italie“ die Räder durch eine kardanische Kupplung verbunden. Ziel war, die bei der „Vevey“ feststellbaren Schwingungen zu dämpfen. Nimmt man nun im Salon oder auf dem Achtern-Oberdeck der „Italie“ Platz, so scheint dieses Ziel nicht erreicht zu sein. Bezogen auf die Erfahrung des neuen Seitenradschiffes auf der Loire (RMS Loire Princesse) würden die Konstrukteure von Saint-Nazaire allerdings auf eine andere Ursache tippen. Sie erklärten mir bei einem Besuch, dass sie entsprechende Hopsbewegungen des Seitenradschiffes mit dem Öffnen der Radkasten-Lucken begegneten. Diese Aktion war dort sehr erfolgreich, weil dadurch offenbar das verdrängte Wasser nun besser fliehen kann. Wie dem auch sei, den Radkastenkranz bei der „Italie“ nun zu öffnen wäre natürlich ein vorgezogener Aprilscherz.

Der wunderschöne, auf der „Italie“ in gelben Farben gehaltene Neo-Empire-Salon, möchte ich später in einem anderen Blog würdigen. Insgesamt macht mir der hohe Standart des Umbaus grossen Eindruck: viele architektonische Details wirken gepflegt und die 13,6 Millionen Franken, die die Renovation kostete, spürt und sieht man. Nebst der Unterstützung der öffentlichen Hand (mit 3 Millionen) ist auch dank zahlreichen privaten Spenden die notwendige Summe für eine Totalrennovation zusammengekommen. Am 10. November 2016 feierte das Schiff seine 3. Jungfernfahrt. 18 Monate und über 60 000 Stunden waren nötig, um dem Schiff ein neues Leben einzuhauchen sowie seine ursprüngliche Struktur und Identität mit der neuesten Technologie zu verbinden. Der diesel-elektrische Antrieb erlaubt es der CGN, auch in der Wintersaison quasi „auf Abruf“ das Schiff einzusetzen. Es bleibt zu hoffen, dass die CGN den zunehmenden Trend zur Winterschifffahrt ernst nimmt und die beiden Schiffe ab Lausanne und Genf vermehrt kursmässig einsetzt.

Die „Italie“ gehört zu einer grossen Flotte von Schiffen aus der intensivsten Bauepoche in der Schweizer Schifffahrtsgeschichte. Es ist der euphorischen Entwicklung des Tourismus am Genfersee zu verdanken, dass die Schifffahrtsgesellschaft CGN von 1895 bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges durchschnittlich im Zweijahresrhythmus einen neuen, grossen Salonraddampfer in Betrieb nahm:

- 1895 Genève**, später mit dieselektrischem Antrieb, heute in Genf stationiert

- 1900 Lausanne, später mit dieselektrischem Antrieb, 1978 verschrottet

- 1904 Montreux, später mit dieselektrischem Antrieb, heute revaporisiert in Betrieb

- 1905 General Dufour, 1977 verschrottet

- 1907 Vevey, später mit dieselektrischem Antrieb, 2012/13 total renoviert heute in Betrieb

- 1908 Italie, später mit dieselektrischem Antrieb, heute in Betrieb

- 1910 La Suisse, heute in Betrieb

- 1912 Valais, ab 1962 in Genf stationiert, 2003 verschrottet

- 1914 Savoie, heute in Betrieb

- 1914 Simplon: Baugebinn, nach Ausbruch des 1. WK Baustopp

Das heisst: in bloss 20 Jahren produzierten die Gebr. Sulzer Dampfschiffe am „Laufmeter“ für den Genfersee.

Der Botschafter Italiens, „Kommandeur Basso“, taufte das Schiff am 26. Mai 1908. Bauliche Veränderungen ermöglichten eine Entwicklung, die das Schiff so lange am Leben hielt: Im Winter 1910/11 wurde die offene Rückwand des Steuerhauses geschlossen. 1919 kamen neue Bänke fürs Oberdeck mit Querbestuhlung anstelle der bisherigen Längsanordnung der Reling entlang. Im Winter 1923/24 mussten die Kesselfundamente ersetzt werden, nachdem Rostschäden auf den Trägern und Böden entdeckt wurden. Ende 1955 kam der Dampfer zum ersten Mal ausser Dienst. Die Dampfmaschine und der Kessel wurden durch eine dieselelektrische Anlage ersetzt. 1958 feierte das Schiff seine 2. Jungfernfahrt und bediente dann für die kommenden 47 Jahre den täglichen Frühlings-, Sommer- und Herbstkurs Translémanique von Bouveret nach Genf und zurück. Am 4. Dezember 2005 erfolgte die erneute Ausserdienststellung mit damals noch ungewisser Zukunft. Zu meinem Bedauern verschwanden damit die Direktverbindungen ohne Umsteigen vom einen zum andern Ende des Lac Léman.

Bilder: Von aussen betrachtet unterscheidet sich die „Italie“ ausser mit dem Namen nur wenig von der „Vevey“, was ich schade finde. Schiffe sind individuelle Gefährte und so sollten sie auch ohne Ablesen des Namens erkennbar sein. Die beiden Schiffe sind nun aber „eineiige“ Zwillinge ähnlich wie MS Brunnen und Flüelen auf dem Vierwaldstättersee oder gewisse Raddampfertypen in Dresden.

RMS Italie steht am Quai du Mont-Blanc bereit für vier samstägliche Extra-Rundfahrten. Blick aufs Rettungsboot zum DS Rhône, das in dieser Saison vornehmlich als Reserveschiff dient. Glücklich, wer an Bord die herrliche Rundfahrt geniesst. Gute Fernsicht gibt den Blick zum noch tief verschneiten Montblanc frei. Mannschaften und speziell Maschinisten müssen bald mehr von Elektronik verstehen als von Mechanik: das neue Zeitalter hält auch im Maschinenraum Einzug. Bild im Textteil: die Genfersee-Radschiffe strahlen eine unvergleichliche Grosszügigkeit aus. Bild 1 M. Fröhlich, Text und übrige Bilder H. Amstad

Bemerkungen: *) Die sog. Geneva Tour verlässt Genf Mont-Blanc jede Stunde um 13.15 bis 16.15.

**) Mit dem Bau der „Genève“ begann 1895 die Aera Sulzer, nachdem vorher ausschliesslich Escher Wyss aus Zürich der Hauslieferant der Genfersee Flotte war.

Quelle: Meister, Gwerder, Liechti „Schiffahrt auf dem Genfersee“ 1977

 
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Sonnenschein begleitet den gelungenen Start des Schiffs-Agentur-Angebotes „Vorfasnächtliches Basel: Exklusives auf dem Rhein und auf Schienen“ von der sogenannten „Rhywyera“ aus bei der Mittleren Brücke in Kleinbasel. Jedes der zwei Aluboote Rhydampferli (Baujahr 2007) und Rhyperle (Baujahr 2012) nimmt 12 Personen auf. Das Unternehmen „Rhytaxi Basel GmbH“ wurde am 1. Juni 2001 von René Didden gegründet. Es besitzt ausserdem noch zwei weitere Boote: die „Rhymugge“ (Baujahr 2008) und die „Rhyblitz“ (Baujahr 2016).

Wir kurven rheinabwärts, zuerst den Hotelschiffen „Thurgau Ultra“ (ex-Premicon Queen), Edelweiss und Charles Dickens vorbei. Ein viertes Hotelschiff wird grad im Moment der Vorbeifahrt durch die amtierende Thurgauer Apfelkönigin Angela Stocker auf den Namen „Thurgau Silence“ getauft. Dieses Schiff erlebt bereits seine 2. Taufe. 2006 war es als „Bellevue“ (ebenfalls Premicon) in Betrieb gekommen. Es gehört zum Typ TwinCruiser, bei dem die Fahrgasteinheit vom Antriebsschiff baulich voneinander getrennt ist, ähnlich wie bei einem aus der Güterschifffahrt bekannten Schubverband.

Wir fahren weiter in Richtung Dreiländereck, wo, bereits auf französischem Terrain, unter riesigen, weissen Zelten kontaminiertes Aushubmaterial vom Novartis Campus (ehemals St.-Johann-Hafen) abgetragen wird. Hektaren grosse Felder müssen hier für mehrere Hundert Millionen Franken sonderentsorgt werden. Die toxische Erde der ehemaligen Ciba-Geigy wird auf Schiffe verladen und in die Niederlanden transportiert, um sie fachgerecht zu verbrennen. Genau auf dieser Höhe kommt uns das BPG-Schiff Lällekönig entgegen. Es war geplant, dieses baulich interessante Schiff durch einen heute in Linz befindlichen Neubau zu ersetzen. Inzwischen sind aber die Verantwortlichen zur Einsicht gelangt, die „Lällekönig“ zu behalten. Die Parallelfahrt mit den Taxibooten freut die Fotografen. Weiter geht’s zur Schleuse Birsfelden – die Reisegruppe steigt hier nach einer Stunde „Froschperspektive“ auf die „Lällekönig“ um. Zwischen den zwei Schleusen Birsfelden und Augst wird das Mittagessen serviert. Während einige weiterhin den warmen Salon im Unterdeck geniessen, halten andere die Stellung auf dem Freideck. Spätestens auf der Rückfahrt von Rheinfelden wieder zurück zur Schleuse Birsfelden treibt es auch die grössten Naturliebhaber in den „Schärmen“: eine Kaltfront sorgt für einen nassen Ausklang der Reise.

Vorher aber stehen noch weitere Exklusivitäten bevor. Das erhöhte Fahrgastaufkommen zwingt die Basler Personenschifffahrt, anstelle des von uns favorisierten MS Baslerdybli die „Lällekönig“ auf den Kurs zu nehmen.Als Ersatz können wir dann nach der Schleusenfahrt noch eine Stadtrundfahrt auf dem Wasser mit dem als Dampfer nachempfundenen Schiff exklusiv für uns unternehmen. Das war eine super Geste der BPG. Warum aber sieht dieses Schiff so nostalgisch aus? Das hat seine Geschichte, die ich hier kurz schildern möchte.

MS Baslerdybli liess der damalige BPG-Direktor Hans Ritter 1980 um einen Salon herum bauen: Kernstück ist der 1. Klass-Salon des ehemaligen Raddampfers Pilatus vom Vierwaldstättersee. Vorgesehen war, dass die Meidericher Werft in Duisburg grad beide Schiffe – die „Lällekönig“ und die „Baslerdybli“ – bauen würde. Doch die Idee von Hans Ritter liess sich mit den Meiderichern nicht verwirklichen, sodass dann nur die „Lällekönig“ in Duisburg gebaut wurde. Für die „Baslerdybli“ kam die Linzer Werft zum  „Handkuss“ – nun mit dem Vorteil, dass beide Schiffe parallel gebaut und dann auch zusammen eingeweiht werden konnten. Doppeljungfernfahrten sind in der Schweiz ein seltenes Ereignis – wir können heute grad mit beiden Schiffen fahren. Hans Ritter, ein begeisterter Dampferfan, wollte ursprünglich einen Prager Dampfer nach Basel holen, denn die Dimensionen hätten ideal gepasst. Das Vorhaben scheiterte an der kommunistischen Partei Tschechiens – ein Vorhaben übrigens, das dann nach der Wende 18 Jahre später den Weser-Dampferfans aus Minden gelang.*

Das Finale des Tages besorgt ein Oldtimertram aus dem Jahr 1920. Der Motorwagen Be 2/2 Nr. 156 führt uns während einer Stunde von der Schifflände via Badischer Bahnhof und der Basler Bergstrecke aufs Bruderholz zum Hauptbahnhof Basel. Mit maximal 30 km/h bleibt schön Zeit, auch das Innere dieses hübsch renovierten Zeitgenossen zu bestaunen. Neu waren vor rund 100 Jahren der Einbau von Magnetschienenbremsen sowie Quer- statt Längssitze für die Passagiere. Dieser Typ wurde bis 1966 im Fahrplanverkehr eingesetzt. Er fuhr bereits dazumal auf das Bruderholz und stand mehr als 50 Jahre lang im Einsatz.

Bilder: Start bei interessanter Westwindwetterlage in Kleinbasel: links das Boot Rhydampferli mit Baujahr 2007, rechts de „Rhyperle“ mit Baujahr 2012. Wir gleiten auf unmittelbarer Wasserhöhe und begleiten sozusagen aus der Froschperspektive das BPG-Schiff Lällekönig. Für grosse Schiffe gibt es in der Schweiz nur drei Schleusen; nebst eine in Nidau (Aare) je zwei Schleusenpaare auf dem Rhein. Wir verlassen soeben die Ältere und Kleinere von Birsfelden (Bau 1954). Die Luftaufnahme zeigt die schön gestaltete Anlage, wo sich rechts die Staumauer, in der Mitte das Kraftwerk und links die beiden Schleusenkammern befinden. Gleich danach steigen wir auf das MS Baslerdybli um für eine Stadtrundfahrt auf dem Wasser (Bild Textteil). Beim Fischmarktbrunnen empfängt uns der Oldtimer Be 2/2, der uns dann zum Abschluss eines erlebnisreichen Tages durch das regnerische Basel führt, jetzt auf Schienen. Bild 1 St. Hellstern, Bild 4 Link, Text und übrige Bilder H. Amstad. Weitere Bilder von MS Baslerdybli siehe Link.

Bemerkungen: *) Hans Ritter wollte ursprünglich den Raddampfer Labe mit Baujahr 1949 nach Basel holen. Zuletzt war die „Labe“ der letzte kohlegefeuerte Raddampfer der Prager Reederei. 1986 ausser Dienst gestellt, rostete seine Schale durch und das Schiff sank am 17. August 1997 in der Moldau bei Smichov. Nach der Hebung kaufte die Mindener Entwicklungs- und Wirtschaftsförderungsgesellschaft (MEW) das Wrack und restaurierte es bis ins Jahr 2001. Als „Wappen von Minden“ fuhr dann das Schiff auf der Weser. Seit 2015 verkehrt das Schiff als „Weserstolz“. Es unternimmt von der Schlachte in Bremen Ausflugsfahrten und gehört neu zur Fahrgastschifffahrtsgesellschaft Hal Över.

 
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