plus minus gleich
Artikel nach Datum gefiltert: Mai 2017

Diamanten, Saphire, Rubine und nun noch eine Perle, es funkelt nur so in der Phantasie der Namensgeber für Schiffe. Helden wie Winkelried und Wilhelm Tell, Dichter wie Goethe und Schiller, Adelige wie Kaiser Franz Josef und Sissi, Generäle wie Dufour und Guisan – das was einmal. Selbst Orts-, Gewässer- und Gipfelnamen entsprechen nicht mehr dem heutigen Zeitgeist. Es war zu erwarten, dass MS Rembrandt, benannt nach dem bedeutendsten holländischen Meistermaler des Barock, nach der zweiten Taufe vom 20. Mai 2017 unter einem andern Namen unterwegs sein wird. Seit die „Rembrandt“ – nomen est omen – im Februar 2015 brannte, wartete sie in der holländischen Teamco-Werft in Heusden auf einen Käufer. 120 Tonnen Material wurde aus dem Schiff geräumt, bevor man mit dem Umbau beginnen konnte.

„Kleinere Schiffe entsprechen einem Bedürfnis der Kunden“, bemerkt der Geschäftsführer des Reisebüros Mittelthurgau Stephan Frei, „wir sind froh, ein weiteres Schiff dieser Grösse und Wendigkeit in Betrieb setzen zu können und damit weitere, selten befahrene Flussreisegebiete zu erschliessen.“ Nebst der „Coral“, der bisher kleinsten Einheit der Excellence-Flotte, musste ein zweites „Kleines“ her und dieses fand man eben in der Form der „Rembrandt“. VR-Präsident Karim Twerenbold: „Das Schiff wurde vollständig ausgekernt. Mit der Schaffung von französischen Balkonen, die die ‚Rembrandt’ vorher nicht hatte, griffen wir sogar in die Struktur des Schiffes ein: Schweissbrenner machten gröbere Arbeit.“ Neue Vorschriften wie z.B. die Schaffung eines zusätzlichen Fluchtweges waren im Prozess des Umbaus weitere Herausforderungen. Für das Innendesign war wiederum wie bei den andern Excellence-Schiffen Lazly Twerenbold zuständig, Mutter von Karim und Gattin des im Dezember 2015 verstorbenen Werner Twerenbold*. Die Twerenbold Reisen Gruppe engagiert sich nicht zum ersten Mal im Schiffsbau: Sie baute schon mit der Instandstellung die „Excellence Coral“ (2012, ehemals MS Swiss Coral) und die „Excellence Katharina“ (2015/16, ehemals MS Lavrinenkov) um.

Mit 1,4 m Tiefgang und „bloss“ 82,9 m Länge brechen nun die Fahrgäste mit der „Pearl“ zu neuen Ufern auf: Flandern und Wallonien, Mosel, Saar und Neckar, Friesland und das Wattenmeer, holländische Kanäle und das Ijsselmeer. Der Kapitän Raul Kraiier gibt das Wortspiel zum Besten: „Die ‚Pearl ist excellent zu manöverieren.“ Das Schiff wurde 2003 auf der Schiffswert Grave/NL für den niederländischen Unternehmer Marten Groen gebaut. Nach Auskunft von Stephan Frei hatte Groen dieses selber betrieben und es war von 2003 bis 2009 für den US-amerikanischen Reiseveranstalter Intrav (St. Louis) auf den Flüssen Europas wie Donau, Rhein und Mosel unterwegs. 2009 wurde das Schiff an die REI (River Equity Invest AG, ein Fond) verkauft und kam bis Ende 2014 nach Frankreich auf die Rhone. River Advice war für das nautisch-technische Management und das Catering für die Reederei Noble Caledonia verantwortlich. Im Februar 2015 kam es auf der Überfahrt von Marseille nach Rotterdam zum verheerenden Brand, wobei zum Glück niemand verletzt wurde. Mit der Taufe in Basel beginnt nun für das Schiff ein zweiter Frühling. Schiffspatin ist die Moderatorin und Miss Schweiz von 2006 Christa Rigozzi aus dem Tessin.

„Time ist money“ gilt auch in dieser Branche: Selbst die Überstellungsfahrt von der holländischen Werft in Heusden zum Taufakt in Basel konnte gebucht werden. Kaum haben die Primeur-Gäste das Schiff am Klybeck an der Plattform 2 in Basel verlassen, kommt schon die erste Busladung des Reiseprogrammes „Schiffsbesichtigung“ an, die zu einer Schiffsrundfahrt durch Basel starten. Um die Mittagszeit kommen neue Busse mit neuen Gästen an und ebenso am Nachmittag. Die Fahrten sind jedes Mal ausgebucht und dies zu Preisen bis zu 99 Franken (inkl. Carfahrt und Mittagessen). 10 Busse brachten über 500 Fans aus der ganzen Schweiz nach Basel. Nach der Taufe geht’s gleich los mit der Jungfernfahrt, die in der Nacht vom 20. auf den 21. Mai mit den geladenen Gästen nach Strasbourg führt, wo dann gleichentags der Start zur ersten offiziellen 10-Tagesfahrt über Rhein, Mittellandkanal und die Havel nach Berlin erfolgt.

Bilder: Moderator Sven Epiney steht an der Seite von Christa Rigozzi, als nach ihrem Taufspruch die Champagnerflasche herzhaft zerschellt. Die „Pearl“-Familie auf einem Blick: Stephan Frei (Geschäftsführer Reisebüro Mittelthurgau), Karim und Lazly Twerenbold geniessen den Moment der Taufe „ihres“ 9. Schiffes (vordere Reihe links). Die Innengestaltung überzeigt durch Klarheit und schlichtem Design, hier die Rückwand der Rezeption. Der Shantychor Störtebekers aus Basel und das Quartett Phenomen sorgen für den musikalischen Rahmen der Feier. Diese Werftaufnahme zeigt auch das Grössenverhältnis der „Excellence Pearl“ zu den übrigen Schiffen der Flotte.

Bilder im Textteil: Die "Excellence Pearl" auf ihrer Tauffahrt in Basel am 20. Mai 2017 und auf der ersten Fahrt von Holland in die Schweiz am 17. Mai bei Kaub (unten). Dazwischen ein Blick in das Untergeschoss, wo geschickt platzierte Spiegel über die sehr engen Verhältnisse hinweg täuschen. Bild 6 und 2 im Textteil bd, Text und übrige Bilder H. Amstad

Technische Daten MS Excellence Pearl: Baujahr 2003 / Werft Scheepwerf Grave Holland / Länge/Breite 82.90 m / 9,42 m / Tiefgang leer 1.40 / Leistung Antrieb: 2x 481 KW / Anzahl Kabinen: 41 / Hotelgäste: 82

Bemerkung: *) Karim Twerrenbilld führt das Reiseunternehmen in vierter Generation; das Unternehmen blickt auf eine 120-jährige Geschichte zurück. Der Schiffs-Reiseveranstalter Mittelthurgau ist Teil der Twerenbold Reisen Gruppe, zu der auch Twerenbold Reisen in Baden, Imbach Reisen in Luzern und Vögele Reisen in Zürich gehören. Zum Unternehmen zählt auch die Schiffsreederei Swiss Excellence River Cruise in Basel, deren Flotte heute neun Flussschiffe zählt. Das Reisebüro Mittelthurgau Fluss- und Kreuzfahrten AG hat ihren Hauptsitz in Weinfelden. Hier hat auch das Konkurrenzunternehmen ThurgauTravel der Familie Kaufmann seinen Sitz.

 
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Der Bodensee teilt sich im Westen auf der Höhe von Meersburg in verschiedene Arme. Der Überlingersee im Norden führt bis Bodman. Der Seeteil im Süden heisst Untersee. Dieser wird bei Konstanz durch den Seerhein mit dem Obersee verbunden. Der Untersee hat wiederum vier Teile: der Gnadensee, der Markelfinger Winkel, der Zellersee und der Rheinsee (siehe Karte Bild 7). Die Insel Reichenau, die Halbinsel Mettnau und der Landsporn Höri bilden markante Landschaftselemente. Im Norden des Untersees liegt die baden-würtembergische Stadt Radolfzell, im Sommer mit 6 BSB-Schiffskursen bis Reichenau bedient – mit Anschlüssen zu den schweizerischen URh-Schiffen Richtung Konstanz/Kreuzlingen sowie Stein am Rhein/Schaffhausen. Die Geografie ist in dieser Bodenseegegend nicht ganz einfach. Das Gleiche gilt für die Geschichte der Schifffahrt in dieser Ecke des Bodensees. Ihre vollständige Schilderung sprengt den Rahmen des (B)Logbuches – einige historische Reminiszenzen müssen genügen. Sie stammen aus der „Feder“ von Karl F. Fritz, dem versierten Nautikhistoriker vom Bodensee. Zuvor aber zum Geschehen der 1.  Radolfzeller Sternfahrt in der Geschichte der Bodenseeschifffahrt.

Radolfzell ist mit 30 000 Einwohner die drittgrösste Stadt am Bodensee und feiert heute 750 Jahre Bestehen und zugleich 150 Jahre Dampfschifffahrt. Dazu treffen sich im grössten Schiffwetter die kürzlich neu getaufte „Stadt Radolfzell“ III (ex-„Königin Katharina“) der BSB mit Gästen aus der Jubilarenstadt, die „Alet“ der Schifffahrt Baumann mit Passagieren aus Allensbach, die „Seestern“ von der Schifffahrt Lang mit Fahrgästen aus Gaienhofen und „unsere“ MS Arenenberg von der URh, das von Kreuzlingen und anderen Uferstationen aus gegen acht Uhr abends zur Formation zustösst. Was die „Grossen“ vor einer Woche vor der Insel Mainau präsentiert haben, soll auch den Kleinen (oder sagen wir mal „Kleineren“) nicht vergönnt sein: eine Sternbildung mit anschliessendem Handschlag über die Buge und dem Austausch von Weinflaschen. Etwas nach neun erhellt der Radolfzeller Himmel im Feuerwerkslicht, bevor dann die Rückfahrt wieder angetreten wird.

Nun zum 150-Jahresrückblick, der viel auch mit der Schweizer Schifffahrt zu tun hat: Dass die Schaffhauser und Romanshorner in diesen Seeteil gekommen sind, ist plausibel. Aber was hat der Greifen- und  Murtensee mit Radolfzell zu tun? Karl F. Fritz hat für uns recherchiert: „Im Jahre 1850 war in Schaffhausen eine erste schweizerische Dampfboot-Gesellschaft gegründet worden, die ab 1851 mit dem Dampfer Stadt Schaffhausen einen regelmässigen Liniendienst aufnahm, der bis in den Obersee ausgedehnt wurde. Das junge Unternehmen startete vielversprechend, sodass bis 1855 drei weitere Schiffe angeschafft werden konnten. Als nach Eröffnung der Eisenbahnstrecke von Waldshut nach Konstanz 1856 die Schweizerische Nordostbahngesellschaft ihren letzten Dampfer aus dem Untersee abzog und nach Romanshorn verlegte, bot der lieblichste Seeteil des Bodensees den Anblick einer verwaisten Wasserfläche...“

Ein Fusionsvertrag zwischen der Schaffhauser Gesellschaft und der Schweizerischen Nordostbahn im Jahr 1857 bringt für den Untersee keine wesentliche Verbesserung. Karl F. Fritz: „Vor allem die Anwohner der schweizerischen Untersee-Gemeinden empfanden diesen Zustand als untragbar und gründeten 1864 in Diessenhofen eine neue Dampfboot-Gesellschaft.“ Rechtsnachfolgerin dieses Unternehmens ist die heutige Schifffahrtsgesellschaft Untersee & Rhein (URh), die 2015 also ihr 150-jähriges Jubiläum gefeiert hat. Dieses nimmt die Dampfer  Arenenberg und Rheinfall und etwas später die „Schweiz“ in Betrieb. Letzteres ist übrigens das erste Dampfschiff aus den Werkhallen der Winterthurer Maschinenfabrik Gebrüder Sulzer! Mit dem Bestand von drei Dampfschiffen ist es nun möglich, ab 1867 an Markttagen den Zellersee zwischen der Insel Reichenau, Iznang und Radolfzell zu befahren. Seit 1867 also fahren Dampfschiffe Radolfzell an.

Karl F. Fritz: „Auf Wunsch der badischen Hörigemeinden verlegte ab 1871 die Dampfschifffahrts-Inspektion Konstanz ihr damals kleinstes Schiff, den 1864 erbauten Dampfer Mainau (I), in den Untersee. Zweimal am Tag befuhr dieser eher bescheidene Schraubendampfer die Route von Radolfzell über die Insel Reichenau nach Öhningen und zurück. Zu diesem Zweck wurden in Radolfzell und in Öhningen Kohlendepots angelegt. Bei Bedarf konnten hier auch die Dampfschiffe aus Schaffhausen ihre Bunkervorräte ergänzen.“ Doch für die badischen Staatseisenbahnen ist dieser „Höri-Dienst“ ein Minusgeschäft. Damals gibt es am Zellersee noch keinen Fremdenverkehr und die Schiffe werden fast ausschliesslich für Marktfahrten und Berufspendlern der aufstrebenden Radolfzeller Industriebetriebe genutzt, so unter anderem von der Belegschaft der Schiesser Unterwäsche-Fabrik, die seit 1875 bis heute ihren Fortbestand hat.

Als die „Mainau“ aus dem Untersee zurückgezogen wird, sind wieder die Schaffhauser für den Höri-Dienst zuständig. Fritz: „Im Jahre 1890 lieferten die Gebrüder Sulzer den kleinen Doppelschrauben-Dampfer Rhein, der 1891 seinen Dienst aufnahm. Mit einer Länge von 24 Metern, einer Kapazität von 90 Personen oder 5 Tonnen Frachtgut war er aber für den stetig zunehmenden Marktverkehr bald zu klein. Er wurde deshalb 1899 auf den Murtensee verkauft, wo er unter dem Namen ‚Morat’ noch bis 1921 verkehrte. Als vorübergehenden Ersatz mietete die Schaffhauser Gesellschaft den schon zur Ausmusterung vorgesehenen württembergischen Dampfer Wilhelm (II). Kurzfristig verkehrte auch der badische Dampfer Friedrich auf diesem Seeteil.“

Nach der Jahrhundertwende werden die Radolfzeller Stadtväter diesem ständigen Wechsel der Schifffahrts-Unternehmen überdrüssig und beschliessen einen eigenständigen Betrieb zu gründen. Im Jahre 1906 wird vom Greifensee das mit Benzinmotor angetriebene Schiff Nymphe angekauft. Vier Jahre später erwirbt die Gesellschaft aus Bregenz den Schraubendampfer Karoline. Dieser kleine Dampfer ist bisher auf der lokalen Schifffahrtslinie zwischen Bregenz und Lochau eingesetzt und erhält nun den Namen „Stadt Radolfzell“. Fritz: „Wenige Monate nach dem Ende des ersten Weltkrieges sorgte die ‚Stadt Radolfzell’ für Aufsehen, als das Schiff auf der Insel Reichenau mit 119 Zentnern Frühkartoffeln überladen wurde und in Höhe der Halbinsel Mettnau auf eine Tiefe von 17 Metern sank. Die dreiköpfige Besatzung und die Fahrgäste konnten von Fischerbooten geborgen werden. In Radolfzell erhitzten sich die Gemüter weniger wegen des gesunkenen Dampfers, als viel mehr wegen seiner wertvollen, für das städtische Versorgungsamt bestimmten Ladung in einer Zeit, wo Meister Schmalhans den Küchenzettel dirigierte. Im Oktober 1919 gelang es einer Zürcher Taucherfirma das Schiff zu heben.“

Im Jahre 1921 wechseln beide Schiffe abermals ihren Besitzer. Die „Stadt Radolfzell“ I und die „Nymphe“ werden von der Schaffhauser Gesellschaft übernommen, bleiben aber weiterhin in Radolfzell stationiert. Als ab 1924 die Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft den badischen Unterseeverkehr übernimmt, werden beide Boote bis zur Beschaffung eines Neubau-Motorschiffes von den Schaffhausern angemietet. Als 1926 auf der Bodanwerft in Kressbronn eine neue „Stadt Radolfzell“ II vom Stapel läuft, hat der alte Dampfer ausgedient. Dieser liegt noch zwei Jahre beschäftigungslos in der URh-Werft in Feuerthalen-Langwiesen und verabschiedet sich im Mai 1928 mit einem dreitägigen Ausflug des Munotvereins Schaffhausen nach Rorschach und seinem einstigen Heimathafen Bregenz. Einige Wochen später wird die als „Kartoffeldampfer“ in die Schifffahrtsgeschichte eingegangene „Stadt Radolfzell“ I in Konstanz verschrottet. Karl F. Fritz erzählt uns in einem späteren Blog-Text weitere Reminiszenzen über die lokale Schifffahrt des Untersees ab 1926 bis heute.

Bilder: Radolfzell feiert ihr 750-Jahrjubiläum auch nautisch: ihre Gründung und Bedeutung hat sie dem See zu verdanken. Vielleicht ist der Titel des Anlasses „1. Radolfzeller Sternfahrt“ Programm; es wäre den Organisatoren zu gönnen, bei einer zweiten Auflage besseres Wetter zu haben. Immer wieder ein Erlebnis und nur auf dem Bodensee zelebriert: der Stern. Frauenpower bei den Privaten: man wünscht sich alles Gute zur neuen Saison. Auch sie standen im wahrsten Sinne des Wortes im Regen: der Geschäftsführer der URh Remo Rey und als „special-guest“ Andrea Ruf, CEO der Schweizerischen Bodensee Schifffahrt. Stimmungsvoller Konvoi auf dem Zeller See von links nach rechts: MS Alet, MS Seestern und MS Stadt Radolfzell. In den letzten Jahren hat die „Reichenau“ den BSB-Verkehr im Zellersee besorgt, ab diesem Jahr übernimmt die Linie MS Stadt Radolfzell. Bild 2 St. Birchmeier, Quelle Karte (Link), Redaktion und übrige Bilder H. Amstad

 
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Der 4. Mai 2017 kann ein Meilenstein in der Schifffahrtsgeschichte auf dem Vierwaldstättersee werden. Das flächenmässig grösste (mit 1400 m2 begehbarer Fläche) und das teuerste Schiff (15,5 Mio Franken) bekommt an diesem Tag der Schiffstaufe den Namen „Diamant“. Dem Raddampfer Stadt Luzern überlässt die SGV andere Rekorde, vermutlich hat man den Bogen nicht überspannen wollen. VR-Präsident Hans-Rudolf Schurter betont an der Pressekonferenz, dass die „Stadt Luzern“ das Flaggschiff der SGV bleibe: „Der Raddampfer ist das längste, breiteste und schwerste Schiff der Flotte“.

Laut Geschäftsbericht 2016 beträgt die Länge der “Stadt Luzern“ 63.65 m, laut Pressemappe jene der „Diamant“ 63,50 m. Die Breite ist beim Dampfer mit 15,20 m, jene beim Neubau mit 13,50 m  angegeben. 415 t verdrängt DS Stadt Luzern leer, laut Auskunft vom shiptec-Chef Rudolf Stadelmann macht dies MS Diamant mit 340 t. Die Höhe ab der Wasserlinie bis Ende Kamin beträgt beim Dampfschiff laut der Luzerner Zeitung 13 m, jene vom Neubau 11,55 m. Zur angenehmen Überraschung der SGV ist der Neuling dermassen gewichtssparend gebaut (mit zusätzlich sehr tiefem Schwerpunkt), dass das Ziel von 1000 Personen Fassungsvermögen wegen der hohen Stabilität um 100 übertroffen wird und demnach gleich viel Fahrgäste aufnehmen darf wie DS Stadt Luzern, nämlich 1100.

Der Geschäftsführer der Shiptec AG, Rudolf Stadelmann, erläutert sieben Besonderheiten der „Diamant“, was ihm und seinem Team besonders am Herzen gelegen ist: „Da wären mal spannende Features zu erwähnen wie die nach dem Kompass drehende Oberdeck-Sitzgelegenheit, das Fussbad am Heck oder der Nautilus-Raum im Unterdeck mit Fensterluken unterhalb und (knapp) oberhalb der Wasserlinie.“ Den Erbauern ist es ein Anliegen gewesen, die Form des Rumpfes so zu optimieren, dass das Schiff wenig Wellen macht. Denn: „Wellen machen braucht Energie, statt sie für den Vortrieb zu verwenden: zu grosse Wellen sind Zeichen für unnütze Energieverluste.“ Dazu wurde der Schiffrumpf im Massstab 1 : 8 nachgebaut und das acht Meter lange Modell in aufwändigen Schleppversuchen in Holland geprüft. „Als drittes möchte ich den Hybrid-Antrieb erwähnen; die zwei Dieselaggregate sind bewusst schwach motorisiert. Bei Spitzenverbrauch werden dann zwei Elektromotoren dazu geschalten. Die Batterien werden vorher durch die Propellerwelle aufgeladen oder bei hohem Energiebedarf (z.B. Küche) durch zusätzliche Dieselgeneratoren aufgeladen. Somit können wir 15 bis 20 % Diesel gegenüber einem konventionellem System sparen.“

Heizung, Kühlung und Belüftung sind von Grund auf neu konzipiert worden. Dazu beigetragen hat ein von der Shiptec zusammen mit der Hochschule Luzern durchgeführten Forschungsauftrag, der vom Bund mitfinanziert worden ist. Da kommt sicher auch sein gutes Netzwerk zum Tragen, ist Stadelmann doch Präsident des ITZ (InnovationsTransfer Zentralschweiz). Weiter neu bei der „Diamant“ ist die technische Fernüberwachung per PC oder Handy. Sämtliche relevanten technischen Systeme können so von aussen kontrolliert werden. Von einem Journalisten angesprochen, ob sich der Kapitän nicht unter Kontrolle fühle, meint Georg Ritter: „Ich empfinde das eher als Unterstützung. So können Shiptec-Fachleute bei Unregelmässigkeiten dem nautischen Personal zielgerichtet einen Tipp geben oder schnell Alternativen aufzeigen.“ Als nächste Innovation hat man auf diesem Schiff auch das Gastrosystem neu überdacht und für die Tavolago neue Lösungen integriert**. Schliesslich führt Rudolf Stadelmann aus, sei sehr grossen Wert auf das Aussendesign gelegt worden ist: „Am meisten freut mich das stimmige Ganze. Antrieb, Technik, Design, Funktionalität, Aussehen, alles greift ineinander über und bildet eine harmonische Einheit.“

SGV-Direktor Stefan Schulthess setzt in seinen Ausführungen den Schwerpunkt auf das erste klimaneutrale Kursschiff der Schweiz: „Das Schiff produziert rund 870 t CO2 pro Jahr. Die SGV leistet entsprechende Ausgleichszahlungen und unterstützt auf diese Weise wirksamen Klimaschutz“*. Die auf MS Diamant in die Luft ausgestossenen CO2-Emmissionen werden an einem andern Ort auf der Welt im gleichen Umfang reduziert.“ Im Gegensatz zur Swiss, wo der Flugpassagier selber entscheiden muss, ob er beim Ticketkauf die Kompensation bezahlen will oder nicht, leistet die SGV an myclimate in jedem Fall die Kompensationszahlungen. Konkret wird damit in ein Klimaschutzprojekt in Uganda investiert. Dieses Projekt reduziert den CO2-Ausstoss um insgesamt 61 400 t pro Jahr, 185 000 Menschen profitieren von sauberem Wasser, das mit einem reduzierten CO2-Ausstoss mit modernen Anlagen aufbereiteten wird.

Der Taufakt findet an der Brücke 7 in Luzern statt. Etwa 2000 Leute wollen sich dieses Spektakel nicht entgehen lassen. Die Matchess Dancers aus Hünenberg inszenieren optische Wortspiele zu möglichen Namensvariationen, unterstützt durch die Luzerner Band Dada ante Portas, die vor und nach der Taufe den Europaplatz akustisch zum Vibrieren bringt. Die Stadtluzerner Baudirektorin Manuela Jost hat die Ehre, das Schiff zu taufen – sie zeigt sich begeistert und gerührt zugleich sowohl über diesen Moment wie über das Schiff.

Begleitet wird die anschliessende Jungfernfahrt – wohl kaum bewusst aber immerhin ein schöner „Zufall“ – durch zwei Schiffe, die einen Bezug zum heutigen Anlass haben: MS Schwyz gilt bis heute als das klassische Motorschiff mit Luzerner Design-Wurzeln. Stadelmann: "Die SGV-Konstrukteure und das Architekturbüro Otto Dreyer haben sich dabei angelehnt an italienische Designlinien von Fahrzeugen der Fünfzigerjahre." Ein ähnlicher Anspruch könnte auch MS Diamant erhalten, stilmässig versetzt in die Zehnerjahre dieses Jahrhunderts (Shiptec Ingenieure und Designer von Judel&Vroljik, Bremerhaven, angelehnt an den maritinen Yachtbau). Und MS Europa ist 18 Stunden später vor genau 32 Jahren in Hertenstein in Anwesenheit von Marcelono Oreja, dem Generalsekretär des Europarates, von „Unterwalden“ auf „Europa“ unbenannt worden und erlebte so seine zweite Jungfernfahrt.***

Wie in der übrigen Architektur ist es üblich, in der Projektphase die Pläne zu visualisieren und in einer 3-D-Darstellung zu zeigen. Oft sieht dann die Wirklichkeit ernüchternder aus, bei Häusern bislang enttäuschend, weil die Wirkung nun durch den realen Kontext bestimmt wird. Nicht so bei MS 2017 – da habe ich oft kritisch auf die Visualisierungen geschaut und ich habe mich selbst mit dieser Unterstützung nicht ganz anfreunden können mit der Bugpartie oder den Proportion zwischen Breite, Höhe und Länge. In der Realität nun sieht MS Diamant für mich viel besser aus, als ich dachte. Der hohe Bug verlängert optisch das Schiff und die Höhe von vier Decks wird durch eine geniale Ausbuchtung des Querprofils sanft abgefangen, was besonders der Anblick von hinten eindrücklich aufzeigt. Der weite Abschwung des Schanzkleides vom dritten Deck, das bis aufs Hauptdeck im flachen Winkel herunter gezogen ist, gibt dem Schiff viel Eleganz. Ich kann vom Begleitschiff Schwyz, das wie erwähnt 1959 für ähnliche euphorische Schlagzeilen sorgte, aus keinem Blickwinkel am MS Diamant eine irritierende Gestaltung feststellen. Wie der Designer Jan Kuhnert mir bestätigt, ist an der Gestaltung von der Projektidee bis zu Ausführung hart gearbeitet worden – das Ergebnis macht nicht nur die Shiptec und die Auftraggeberin SGV glücklich, sondern auch Judel/Vrolijk aus Bremerhaven, die nun auch den Shuttle-Katamaran für den Zubringer der Bürgenstockbahn und das geplante Bielersee-Schiff gestalten wird.

Bilder: Die Champagnerflasche zerschellt, der Name ist nun offiziell und blau-weisse Luzerner Bänder regnet es vom Himmel. Rudolf Stadelmann strahlt heute mit Recht: seinem Team ist ein „Wurf“ gelungen. Die drei Personen waren nun fast fünf Jahre mit dem Projekt beschäftigt: Jan Kuhnert, CEO und Ann Cathrein Jacobsen von Judel/Vrolijk sowie David Müller, der Projektleiter MS 2017 von Shiptec. Als CEO der SGV war auch er ein gefragter Mann des Abends: Stefan Schulthess. Interviews am „Laufmeter“ auch für Georg Ritter, der mit Urs Zemp als Beimann zukünftig der verantwortliche Schiffsführer der „Diamant“ ist. Perfekte Szenerie für die Jungfernfahrt mit einem Wechselspiel von Regen, Sonne, blauem Himmel und rabenschwarzen Wolken. Der edle und relativ kleine Schriftzug Diamant gefällt mir. Text und Bilder H. Amstad

Bemerkungen: *) CO2 ist ein Gas, das bei der Verbrennung fossiler Rohstoffe ausgestossen wird. Im Gegensatz zur Verbrennung von Holz wird dieser Anteil nicht mehr in den Naturkreislauf zurückgeführt. Dadurch nimmt der CO2-Gehalt in unserer Atmosphäre zu und verursacht den Treibhauseffekt, der für den weltweiten Temperaturanstieg verantwortlich ist.

**) Mit Regeneriergeräten, einem beheizbaren Transportlift und Schickstationen auf allen Decks will man die Qualität der Speisen steigern.

***) Für MS Europa gab es dann noch eine dritte Jungfernfahrt: nämlich am 24. Oktober 1995, nach dem das Schiff am 20. Februar 1993 in einer Renovationsphase in der Werft abbrannte.

 
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